Kultur.Wissen.Schaft – Sinnwelten, soziale Beziehungen und Konflikte
Forschungskolloquium SoSe 2024, An sechs Dienstagen im Semester, von 12-14 Uhr s.t., Oettingenstr. 67, Raum L155
Forschungskolloquium SoSe 2024, An sechs Dienstagen im Semester, von 12-14 Uhr s.t., Oettingenstr. 67, Raum L155
Das Kolloquium des Münchner Instituts für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie (EKW*EE) im Sommersemester 2024 bietet einen Raum für die Diskussion darüber, wie Kultur als Forschungsgegenstand produktiv nutzbar gemacht wird.
Die Vorlesungsreihe bietet dabei eine Auswahl aktueller Perspektiven aus dem Vielnahmenfach Empirische Kulturwissenschaft, Europäische Ethnologie, Volkskunde, bzw. Kulturanthropologie. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Vortragenden eine Perspektive auf Kultur und Alltag, die die Menschen ernstnimmt und somit Zugang zu symbolischen Ordnungen und Sinnvorstellungen erlangt. Kultur erscheint dabei als hochgradig komplexe Angelegenheit, in sich widersprüchlich und konfliktgeladen.
Das Kolloquium im Sommersemester 2024 möchte genau hier ansetzen und Einblicke in aktuelle Themenfelder des Fachs in München und darüber hinaus bieten.
23.4.2024 Michal Kravel-Tovi: Accounting of the Soul: Quantification and the crisis of Jewish life in the US
Over the last three decades, the American Jewish public square has been steeped in numerical concerns about demographic and cultural endangerment—a phenomenon generally dubbed as a “Jewish continuity crisis.” Based on a long-term and multi-sited anthropological study, I chronicle the social lives of this “crisis”, demonstrating how population discourses related to Jewish continuity allow American Jews to engage with their trajectory as a minority, post-Holocaust, and diasporic ethno-religious community. The presentation problematizes the very fact that a voluntary minority community sets the demographic course of its population as an abject of knowledge and intervention, and illuminates the cultural meanings of statistics as a powerful yet alienating representation and language of the social.
7.5.2024 Katrin Amelang: Geräte, Anwendungen, Geschichten - alltagswissenschaftliche Erkundungen digitaler Datentechnologien
Fragen zur Verschränkung von Kultur und Technik, zu Mensch-Technik-Beziehungen oder zum individuellen und kollektiven Technikumgang gehören zu den etablierten Problemfeldern der Kulturanthropologie. Digitale Technologien werfen diese Fragen neu auf; Rechenmaschinen, Rechenprogramme und die über sie erzählten Geschichten sorgen regelmäßig für Diskussions- und Untersuchungsstoff. Interessante Perspektiven liefert das Schnittfeld von Technikanthropologie, digitaler Anthropologie, feministischen Technikstudien und kritischer Datenforschung. Der Vortrag leuchtet dieses Feld interdisziplinärer Dialoge und Debatten genauer aus. Empirisch-ethnografisch werden eigene Forschungen zu Software, Daten und Algorithmen im Bereich Medizin, Gesundheit und Körper aufgegriffen. Vortrag krankheitsbedingt verschoben!
28.5.2024 Laura Otto: Zwischen Plage und Potenzial: Kulturanthropologische Überlungen zum Umgang mit Sargassum Algen in der Karibik
Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt landen ungewöhnlich große Mengen von Sargassum-Braunalgen an den Stränden der Karibik an. Die Algen verändern Ökosysteme, bedrohen den Tourismussektor und werfen Fragen nach dem Zusammenleben verschiedener Arten auf. Während Sargassum einerseits als Problem verstanden und entsprechend adressiert wird, sind die Algen gleichzeitig in der Lage, Kohlenstoffdioxid zu binden und gelten als vielversprechende companion species, um den globalen Herausforderungen des Klimawandels begegnen zu können. Nicht zuletzt wurde Sargassum von der Deutschen Botanischen Gesellschaft zur ‚alga of the year 2024‘ gekürt. Basierend auf ethnographischer Feldforschung in der Karibik, fokussiert der Vortrag verschiedene Perspektiven auf und Umgangsweisen mit Sargassum ebenso wie vielfältige Mensch-Algen-Beziehungen. Im Fokus des Vortrags steht die Frage nach (übersehenen) Kräften von Algen in unterschiedlichen Wirtschaftskontexten und Zukunftsgestaltungen im Anthropozän.
4.6.2024 Sascha Sistenich: Digitale Denk-Buddies? Einsatzmöglichkeiten und Grenzen von KI-Tools im Forschungs- und Schreibprozess.
Der interaktive Workshop beschäftigt sich mit dem kritischen Einsatz und den Grenzen von Künstlicher Intelligenz (KI) in Forschungs- und Schreibprozessen. Jenseits einer knappen Einführung wird der Fokus auf die Förderung von Schreibkompetenz durch KI-Tools gerichtet. Neben der Diskussion über die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis im Kontext von KI-Einsatz erhalten die Teilnehmer:innen durch praktische Übungen die Möglichkeit, die Anwendbarkeit und Grenzen von KI für ihre Forschungs- und Schreibprozesse zu erfahren. Daher wird empfohlen ein mobiles Endgerät (Smartphone, Tablet, Laptop) und einen OpenAI (ChatGPT) Account oder anderen (anmeldungsfreien) Zugang zu bspw. Aleph Alpha, Alpa, Gemini (Google AI), Neuroflash, Writesonic, etc. mitzubringen
18.6.2024 Konrad Kuhn: Vertikalitäten. Kulturanalytische Sondierungen zu Stadt-Berg-Beziehungen
Ein Interesse für das Leben am Berg begleitet unsere Disziplin seit ihren Anfängen. Städtisch-bürgerliche Sehnsüchte prägten das volkskundlich-forschende Interesse für die Bergbewohner:innen, verdichteten sich später in ideologischen Setzungen und führten etwa zu einer Ausblendung von „Alpenstädten“ als relationalen Räumen. Das Gliederungsmodell der Vertikalitäten bietet eine Möglichkeit, die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Ausrichtungen auf eine höhere Dimension in den Blick zu nehmen. An so verschiedenen Beispielen wie der multidisziplinären Beschäftigung mit dem „Bergvolk der Walser“, der kritischen Revision von Forschungen zur Almwirtschaft und einer Sichtung stadtanthropologischen Perspektiven auf alpine Urbanität wird nach dem Ertrag einer kulturanalytischen Befragung von Stadt-Berg-Beziehungen gefragt. Inwiefern lohnt die (erneute?) kulturwissenschaftliche Erforschung von Berg und Tal?
2.7.2024 Asta Vonderau: Was hält die Dinge zusammen, wenn sie auseinanderfallen? Anthropologie im Spätindustrialismu
Der Mythos der Moderne imaginierte technologischen Fortschritt als einen teleologischen Prozess. Dabei blieben ihm inhärente Brüche sowie soziale und ökologische Wunden, wie etwa toxisch verunreinigte Landschaften oder demographische Probleme in deindustrialisierten Städten unsichtbar. Heute stellt sich jedoch die Frage: Was kommt nach dem Fortschritt? (Wie) Ist es möglich die Wunden zu heilen und auf einem “zerstörten Planeten” (Tsing) zu leben?
Anhand von Beispielen aus dem Mitteldeutschen Braunkohlerevier präsentiere ich in meinem Vortrag Überlegungen zur ethnologischen Forschung im Spätindustrialismus den ich, bezugnehmend auf Kim Fortun, als einen aktuell charakteristischen Zustand vieler Regionen weltweit betrachte.
Vortrag krankheitsbedingt verschoben!