Exkursion Algerien 2024 BLOG
Sahrauische Flüchtlingslager bei Tindouf
Sahrauische Flüchtlingslager bei Tindouf
© Google Maps
Am 15. September 2024 begann unsere eindrucksvolle Exkursion am Flughafen Frankfurt. Wir flogen nach Algier, der Hauptstadt Algeriens. Insgesamt nahmen zwölf Studenten an dieser Reise teil, darunter vier aus Frankfurt und acht aus München. Begleitet wurden wir von Dr. Bettina Gräf von der LMU München sowie Mohamed Badati, einem Vertreter der Polisario in Bayern und Sachsen und Mitglied des ZEOK e.V. in Leipzig, die die Reise zusammen mit Dr. Judit Tavakoli von der Goethe-Universität in Frankfurt organisiert hatten.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Algier, bei dem wir die Gelegenheit hatten, die Hauptstadt zu erkunden, ging es weiter nach Tindouf, einer Stadt tief im Westen Algeriens.
Unser Hauptziel war es, uns intensiv mit dem Konflikt um die Westsahara auseinanderzusetzen und dessen weitreichende Auswirkungen auf die geflüchteten Sahrauis kennenzulernen, die hier seit 1975 in Flüchtlingslagern leben. In der Nähe von Tindouf verbrachten wir sechs Tage in Familien im Lager El Aaiún/Laayoune, das von der Polisario verwaltet wird, um das Leben der Sahrawis hautnah mitzuerleben und mehr über ihre Situation zu erfahren.
Christina Streibig
Wir haben einen BLOG erstellt, um ausführlich über unsere Reise und den Westsharakonflikt zu berichten. In jedem Beitrag gibt es fett gedruckte Wörter, die wir im Glossar erklären.
Treffpunkt 15.09.2024 12:30 Uhr Terminal 1 Flughafen Frankfurt vor dem Rewe. Das war der ausgemachte Treffpunkt unserer illustren Reisetruppe, zwölf Studierende verschiedener geistes- und sozialwissenschaftlicher Fachrichtungen aus Frankfurt und München mit dem gemeinsamen Reiseziel Algerien. Alle fanden sich mehr oder weniger pünktlich ein, wobei die Theorie, dass diejenigen, die am nächsten wohnen klassischerweise nicht die Pünktlichsten sind, bestätigt wurde (Grüße gehen raus ;)). So ging es dann los und eine Gruppe, die sich zuvor nur über Zoom Meetings kannte, sollte sich in den nächsten zehn Tagen zu einer richtigen Gemeinschaft entwickeln.
CheckIn, Gepäckabgabe, Passkontrolle, Sicherheitscheck und ab ans Gate. Mit ein bisschen Verspätung saßen wir dann erwartungsvoll (manche bisschen nervös) in einem Flieger von Air Algérie mit dem Ziel der algerischen Hauptstadt Algier. Ankunft am Flughafen in Algier bei sonnigen 28 Grad war ein willkommenes Kontrastprogramm zu dem beginnenden Herbstwetter in Deutschland. Ein Konvoi von drei Fahrzeugen, den uns Mohammed Badati, Verteter der Polisario in Sachsen und unser Kontakt vor Ort, zur Fahrt in unser Hostel in der Altstadt (Kasbah) auf der anderen Seite der Bucht organisiert hatte, stand bereit und wir konnten uns erste Eindrücke von der Stadt, dem Hafen und dem Abendverkehr der Metropole machen. Mit einer gewissen Zufriedenheit stellte ich fest, dass es gar kein Problem ist aus drei Spuren vier zu machen, Hupen ein anerkanntes Kommunikationsmittel ist und Abstandsregeln eher optional sind und trotzdem alles seinen Gang geht. Ein digital gesteuertes Auto würde mit seinen Assistenzsystemen unweigerlich scheitern – fahren muss hier der Fahrer.
Nach Ankunft im „Afric Hotel“ ging es in die Gassen der Altstadt, um etwas zu essen, und danach entspannten wir auf der traumhaften Dachterrasse des Hostels mit Rundumblick über die gesamte Bucht und Stadt, und der Abend klang entspannt aus.
Das wars für DayOne see you tomorrow!
Julian Nagel
Der zweite Tag unserer Exkursion in Algerien begann mit dem Schreien der Möwen, während die Morgensonne die französischen Bauten Algiers in orangenes Licht tauchte.
Einige Zeit nach Sonnenaufgang traf ein Teil der Exkursionsteilnehmenden beim Frühstück aufeinander. Auf silbernem Tablett lockten Gebäckstücke aus Blätterteig zum Verzehr, darauf ein glänzender Film aus Zucker. Gegenüber dünne, in Fett gebackene Teigstücke, die mich an ostafrikanische Chapati erinnerten.
Während des Frühstücks teilte sich die Gruppe für den freien Vormittag auf, um die Stadt am Mittelmeer zu erkunden. Ein Teil von uns schlenderte über den belebten Markt hinunter zum Meer. Dabei ging es vorbei an streunenden Katzen, frischen Baguettes und Datteln - von einem nahegelegenen Fischermarkt direkt am Meer wehte ein intensiver Geruch. Auf dem Rückweg trafen wir auf einen Algerier, mit dem wir ins Gespräch kamen und der uns zu einem Café führte. Dort tranken wir schwarzen Tee und Kaffee. Letzterer, so waren sich alle einig, schmeckte besser als der im Hotel – ein guter Fund.
Zurück im Hotel packten alle ihre Habseligkeiten zusammen und gaben das Gepäck an der Rezeption ab. Zur Mittagszeit ging es für die gesamte Gruppe zur Kasbah, der Altstadt Algiers.
Die Kasbah, in der zerfallene Häuser in engen Gassen den Hügel hoch zur Zitadelle führen, wurde 1992 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Jamal, unser Guide in blauem Kaftan, der hier aufwuchs und zur Schule ging, führte uns zuerst zur Ketchaoua Moschee, die am Fuß der Kasbah liegt. Sie sei von den Franzosen 1832 besetzt und in St. Phillipps Kathedrale umbenannt, später zerstört und als Kirche neu aufgebaut worden, erzählt er. Nach der Unabhängigkeit entschieden die Algerier, das Gebäude zu einer Moschee umzubauen. Erneute Restaurierungsarbeiten dauerten bis ins Jahr 2018. Die hohen Kosten übernahmen die Türkei und die UNESCO. Heute konnten wir die Moschee allerdings nicht betreten, da erneut gebaut wird. Insgesamt, so sagte Jamal, werden weitere drei Moscheen in der Altstadt mit Geldern der UNESCO renoviert.
Das nunmehr fast verlassene Viertel Algiers wurde früher von vier Türmen und einer sie verbindenden Mauer umgeben. Bei unserem zweistündigen Rundgang kamen wir an einem Museum zum algerischen Unabhängigkeitskampf in der Kasbah vorbei, das wir dann auch besichtigten. Leo erzählte von dem Film SCHLACHT UM ALGIER (The Battle of Algiers) aus dem Jahr 1966, eine algerisch-italienische Co-Produktion, die vom Algerienkrieg handelt. Damals spielten viele Bewohner der Kasbah als Laiendarsteller mit. Seit einiger Zeit, so Bettina, verlassen viele ehemalige Anwohnerinnen den Ortsteil. Dass sie nach den Restaurierungsarbeiten wiederkehren können, ist nicht gewiss. Wahrscheinlicher ist, dass die Kasbah zum attraktiven Ziel für Touristen umgebaut und für normales Wohnen zu teuer sein wird.
Den Nachmittag über sahen wir viele Wandmalereien von den zwei rivalisierenden Fußballvereinen, dem 1921 gegründeten MC Alger (MCA) und dem 1937 gegründeten USM Alger (USMA), darüber hinaus eine Vielzahl kleiner und größerer Mosaiken. Wir besuchten ein privates Wohnhaus, das die Anwohner Touristen gegen ein kleines Entgelt zur Verfügung stellen. In der obersten Etage konnten wir, etwas unwirklich zwischen Wäscheleinen, einen Blick auf die Dächer Algiers und auf das Mittelmeer werfen.
Abends trieb es uns an den Hafen der Hauptstadt. An einem lauschigen Ort mit einigen Cafés und Imbissen, an dem Algerier und (vermeintlich) wenige ausländische Besuchende sich mischten, bestellten wir Kaffee und Eis. Um 19 Uhr ging es zurück zum Hotel, wo wir unser Gepäck abholten und in die drei Fahrzeuge stiegen, die uns zum Flughafen bringen sollten. Während wir unsere Rucksäcke in den Kofferraum der Autos schleppten, hielten wir den Verkehr auf. Einige Autofahrer hupten wie verrückt, bis wir schließlich losfuhren.
Am Flughafen angekommen, gaben wir unser Gepäck auf und luden unsere Energiereserven mit Pizza, Baguette und Tee in einem Café auf. Durch den Sicherheits-Check gekommen folgte der nächste Stopp in einem in rosa Farbe getauchtes Restaurant namens „One Way Coffee“, in dem wir Karten spielten, über Spielregeln diskutierten und müde, aber dennoch freudig auf den Flug nach Tindouf warteten. Unser Flugzeug startete um kurz vor Mitternacht.
Marie N‘gouan
© B. Gräf
Pünktlich um 00:00 Uhr, am 17.09.2024, saßen wir im Flugzeug von Algier nach Tindouf. Der Flug dauerte zwei Stunden und dreißig Minuten und verlief angenehm ruhig. Die meisten von uns nutzten die Zeit, um sich zu erholen und zu schlafen.
Wir landeten um 2:30 Uhr und wurden herzlich von der dortigen Flughafenpolizei empfangen. Nachdem wir unser Gepäck erhalten hatten, wurden wir vom algerischen Militär begrüßt. Wir bestiegen einen Bus, der von dem Militär begleitet wurde, und fuhren zur Grenze des Flüchtlingslagers Laayoune.
Dort wartete bereits das Militär der Polisario, um die Verantwortung von den algerischen Militärs zu übernehmen. Anschließend wurden jeweils zwei Studenten auf Gastfamilien aufgeteilt. Es war 03:45 Uhr, als Elia und ich unserer Gastmutter Mariam und ihrem 15-jährigen Sohn zugeteilt wurden, die uns beide herzlich empfingen. Zum ersten Mal spürte ich den warmen, feinen Sand unter meinen Schuhen, während wir uns von der Gruppe verabschiedeten und Mariam folgten. Sie führte uns durch den Innenhof, vorbei an Menschen, die auf Teppichen unter freiem Himmel schliefen. Im Vorbeigehen grüßten wir sie leise mit „as-salāmu ʿalaykum“ السلام عليكم. Schließlich zeigte uns Mariam unser Zimmer, wo wir uns rasch verabschiedeten, unsere Schlafsäcke ausrollten und uns nach der langen Reise schlafen legten.
Die Nacht und mein Erholungsschlaf waren um 09:05 Uhr vorbei. Das Sonnenlicht strahlte mit einer solchen Intensität durch die Türschlitze unseres Zimmers, dass es uns sanft weckte. Kaum hatten unsere Gastgeber bemerkt, dass wir wach waren, wurde uns sofort das Frühstück serviert. Es bestand aus frischem Baguette, Butter, Streichkäse, Marmelade und einer dampfenden Tasse Kaffee – ein einfacher, aber wohltuender Start in den Tag.
Nach dem Frühstück erkundeten wir ein wenig die Umgebung rund um das Haus. Ein kurzer Moment der Leichtigkeit entstand, als wir ein etwa zehnminütiges Fußballspiel im Innenhof mit Abaa spielten, doch bei Temperaturen von 34 bis 36 Grad wurde mir schnell klar, dass es besser war, in unseren Schlaf- und Aufenthaltsraum zurückzukehren. Zum Glück gab es dort eine Klimaanlage, die uns angenehm kühlte. Den Tag verbrachten wir im Schutz des Hauses mit unserer Gastfamilie. Das Kennenlernen war anfangs nicht ganz einfach, da die Sprachbarriere uns ein wenig herausforderte. Doch mit Elias sehr guten Spanischkenntnissen und meinen wenigen arabischen Worten gelang es uns, uns von Anfang an gut mit der Familie zu verständigen.
Um 18:00 Uhr fand ein Gruppentreffen statt, bei dem wir die kommenden Tage besprachen. Es war auch eine Gelegenheit, um sicherzustellen, dass es allen gut ging und die ersten Eindrücke vom Lager und den Gastfamilien auszutauschen. Die Stimmung war dabei positiv und offen, und es wurde schnell klar, dass alle sehr glücklich waren mit den bisherigen Erfahrungen.
Nach dem Treffen kehrten wir zu unseren Familien zurück. Wir entspannten uns in unserem Schlafraum und versuchten, die intensiven ersten Eindrücke zu verarbeiten und alles Revue passieren zu lassen. Die Ruhe nach dem ereignisreichen Tag gab uns Raum, über die vielen neuen Erfahrungen nachzudenken. Gerade als wir, ziemlich erschöpft, beschlossen, schlafen zu gehen, überraschte uns die Gastfamilie mit einem späten, aber bei ihnen üblichen Abendessen. Trotz unserer Müdigkeit genossen wir die herzliche Geste und die köstliche Mahlzeit, die den Tag auf angenehme Weise abrundete.
Christina Streibig
von MK
Am 19. September hatten wir einen besonders vollen Tag im Flüchtlingslager. Vor dem eigentlichen Programm führte ich ein kleines Interview mit einer jungen Frau in Hagunía, dem Bezirk, in dem wir untergebracht waren, das eine interessante Perspektive auf das Leben im Lager Laayoune bot. Sie ist 22 Jahre alt, studiert Finanzen in Algier und kommt während der Semesterferien zu ihrer Familie ins Lager. Um das Gespräch zu beginnen, zeigte ich ihr Fotos von verschiedenen Orten im Lager, darunter die neue, gerade eröffnetet Bibliothek und das Keramikatelier, Orte, die wir am Vortag besichtigt hatten.
Hier ein kurzer Einblick in unser Interview, das ich hauptsächlich auf Englisch geführt habe, manchmal mit Hilfe von Google Übersetzer:
1) Warst du schon in der Bibliothek?
- Nein, dort war ich noch nicht.
2) Es gibt auch ein Keramikatelier. Warst du schon mal dort?
- Nein.
3) Hast du erst jetzt gesehen, dass es das gibt?
Ja, ich weiß nicht. Ich bleibe meistens zu Hause, wenn ich hier bin.
4) Weiß Mohammed (ihr kleiner Bruder, der immer im Lager wohnt) davon?
(Wir zeigten ihm auch Fotos von den Orten.)
- Mohammed: Ja, aber ich war noch nicht da. Meine Schule ist woanders.
5) Warum weißt du nichts davon?
- Ich bleibe meistens zu Hause, wenn ich hier bin.
Das Interview zeigte, wie isoliert das Leben im Lager für einige Bewohner sein kann. Obwohl die Einrichtungen da sind, ist das Bewusstsein darüber manchmal nicht gegeben.
Besuch im Widerstandsmuseum Rabuni
An diesem Tag besuchten wir auch das Widerstandsmuseum, ein beeindruckender Ort, der dem Kampf für die Unabhängigkeit des sahrauischen Volkes gewidmet ist. Das Museum zeigt eine Vielzahl von Exponaten: von verwendeten Waffen, Fahrzeugen und Uniformen bis hin zu einer umfangreichen Dokumentation der Geschichte der Sahrauis. Das Museum dient nicht nur der Erinnerung, sondern auch als wichtiger Ort, um die Geschichte der sahrauischen Bevölkerung weiterzugeben – insbesondere an die jüngeren Generationen.
Ich persönlich fand das Museum extrem wichtig, da es den Sahrauis ermöglicht, ihre eigenen Erlebnisse und ihren langen Kampf der Welt zu präsentieren. Die Geschichte ihrer Kampfes um Selbstbestimmung sollte nicht in Vergessenheit geraten.
AFAPREDESA
Nach dem Museumsbesuch trafen wir auf Vertreter von AFAPREDESA – der Vereinigung für Familien sahrauischer Gefangener und Verschwundener (Franz.: Association de Familles des Prisonniers et Disparus Sahraouis). Diese Organisation hat die schwierige Aufgabe, das Schicksal von Tausenden von Sahrauis bekannt zu machen, die in Marokko gefangen gehalten werden. Etwa 4.000 Sahrauis gelten als Gefangene, davon sind 403 offiziell anerkannt. AFAPREDESA setzt sich für diese Menschen und ihre Familien ein, indem sie ihre Geschichten verbreitet und versucht, internationale Aufmerksamkeit zu erregen.
Ein Fest
Der Tag endete mit einem besonderen Fest, das zu unseren Ehren im Museum in Lajwad veranstaltet wurde. Wir wurden herzlich von den Frauen und ihren Kindern begrüßt. Es war eine farbenfrohe und festliche Atmosphäre, bei der wir traditionelle Hochzeitskleider anprobieren konnten. Die Kinder spielten ausgelassen und wir hatten jede Menge Spaß. Es war ein Moment des gemeinsamen Lachens und eine wunderbare Gelegenheit, in die lokale Kultur einzutauchen.
Ein Vortrag über Kamele
Zwischen all den Aktivitäten hielt Christina Streibig ein Referat über die verschiedenen Arten von Kamelen. Da standen die Kamele auch dabei bzw., wir standen neben ihnen, und eigentlich sind es keine Kamele gewesen, sondern Dromedare :). Es war faszinierend zu erfahren, wie unterschiedlich diese Tiere sein können, wie überlebensfähig sie durch ihre körperlichen Eigenschaften in trockenen Gebieten sind und welche wichtige Rolle sie in der Kultur und im Alltag der Sahrauis spielen bzw. historisch gespielt haben.
Der Tag war voll von intensiven Begegnungen, wertvollen Gesprächen und einem tieferen Verständnis für die Realität der sahrauischen Flüchtlinge. Es war ein Tag, der uns die Bedeutung von Geschichte, Kultur und Widerstand gegen Ungerechtigkeit vor Augen führte.
Doğukan Tüfeksever
© Isabelle Faber
Der Freitag im Camp ist im wahrsten Sinne des Wortes ein freier Tag. Wir sollen den Tag mit unserer eigenen Familie verbringen. Der folgende Blockeintrag beschreibt den Tag, den ich mit meiner Mitbewohnerin Marie, Mitgliedern meiner Gastfamilie sowie mit Cord und Leo aus unserer direkten Nachbarschaft und Mitgliedern ihrer Gastfamilie erlebt habe.
Das Aufstehen
Wir durften ein paar Stunden später aufstehen als die Tage zuvor. Am Abend zuvor hatte ich unsere Gastmutter Mariam gefragt, wann wir aufstehen sollten und als Antwort 8 Uhr bekommen. Nachdem unsere Wecker geklingelt hatten und wir nichts von der Familie hörten, beschlossen Marie und ich, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, im Schlafsack liegen zu bleiben. In der Nacht gab es immer wieder heftige Regenfälle, die mich bis 1:30 oder 2:00 Uhr wach hielten, weil ich mir Sorgen um das Dach machte. Da tat es gut, noch eine halbe oder eine Stunde länger liegen zu bleiben. Um 9:20 Uhr brachte Mariam das Frühstück ins Zimmer. Kurz bevor wir anfangen konnten zu essen, hörten wir lautes Reden aus dem Fenster. Hassina, die Gastmutter von Cord und Leo, redete plötzlich sehr laut und hektisch auf Mariam ein. Dann kam Mariam und sagte uns, dass wir uns dringend fertig machen sollten, da wir bald aufbrechen müssten. Denn der Souk, den wir mit Cords und Leos Familie besuchen sollten, schließe bereits um 11 Uhr wegen des Gebets.
Verwirrt und unausgeschlafen mussten wir alles im Turbotempo erledigen. Wir mussten uns mit Sonnencreme eincremen, die Zähne putzen, uns anziehen. Die größte Herausforderung war es, schnell auf die Toilette zu gehen, denn ohne fließendes Wasser lässt sich der Vorgang leider kaum beschleunigen. Als ich von der Toilette kam und mir dringend die Hände waschen musste, sah ich Hassina am Fenster. Sie hatte den Kopf ins Zimmer gebeugt und rief laut „Yalla Yalla“. Im letzten Moment konnte ich noch zwei Bananen für mich und Marie mitnehmen. Um 9.40 Uhr stiegen wir pünktlich ins Auto. Auf dem Beifahrersitz saßen Hassina und ihre Nichte Ara. Auf dem Rücksitz, auf den maximal drei Personen passen, saßen wir zu viert. Meine linke Hüfte drückte gegen die Tür, so hatte ich eine stabile Sitzposition. Ich schloss die Tür mit der Sicherung. Das gab mir ein sicheres Gefühl, als ich mit der Hüfte dagegen drücken musste. Im Kofferraum saßen Hamed und zwei Jungs aus unserer Nachbarschaft sowie Heillia, die Tochter unserer Gastfamilie. In ca. 10 Minuten waren wir am Souk, dem Markt.
Der Souk
Entlang einer Straße reihen sich die Geschäfte. Das ist das „Einkaufszentrum“ des Camps El Aaiún/Laayoune. Hassina führte uns der Reihe nach durch die Läden, die alle ein sehr ähnliches Sortiment haben: Es gibt eine Ecke für Körperpflege- und Kosmetikartikel, eine Ecke für Stoffe bzw. Kleidung und eine Ecke für Geschirr und Haushaltswaren. Gelegentlich sieht man auch teure Waren wie Reisekoffer oder versilbertes oder vergoldetes Teegeschirr. In einigen Läden gibt es eine Vitrine für Schmuck und/oder Uhren.
Besonders beeindruckt waren wir von den kosmetischen Pflegeprodukten zum Aufhellen der Gesichtshaut. Das deutet auf das sahrauische Schönheitsideal mit möglichst heller Haut hin. Außerdem stand ich lange vor den großen Verpackungen von Stoffen wie ägyptischer Baumwolle oder indischer Viskose und studierte die aufgedruckten Adressen der Händler. Sie sahen aus, als wären sie erst gestern aus Mauretanien importiert worden. Es gab auch Stoffe, der ausgepackt waren. Er fühlte sich sehr hart an. Marie erklärt mir, dass es ein Baumwollstoff ist und wenn man ihn wäscht, damit arbeitet und ihn trägt, wird er weicher. Sie hatte diese Erfahrung schon in Ruanda gemacht.
Die traditionelle Kleidung der sahrauischen Frauen besteht aus einem einzigen Tuch. In vielen Geschäften findet man auf dem Boden einige Reihen gestapelter Tücher. Daraus ergibt sich ein anderes Einkaufserlebnis als in Europa, wo die Kleider auf Bügeln hängen oder auf Tischen liegen.
Der Preis
Marie machte mich auf das Preisschild der Pflegeprodukte aufmerksam. Auf einer 350 ml Nivea Body Lotion gab es einen Preisaufkleber mit der Zahl 24. Wir erinnerten uns an den Preis einer Flasche Wasser, die wir immer in dem Geschäft in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gekauft hatten. Sie kostete 50 Dinar. Wir bewunderten die Zahl 24 auf der Nivea Body Lotion. Dann fragten wir uns, wie hoch das monatliche Bareinkommen unserer Gastfamilie ist, also das Einkommen, das die Familie über die planwirtschaftlich zugeteilten Grundmittel hinaus erwirtschaftet. Denn der Familienvater und der große Sohn unserer Gastfamilie gehen jeden Tag arbeiten. Umso mehr interessierte uns, wie hoch die regelmäßigen Ausgaben unserer Gastfamilie mit ca. 6 Personen im Haushalt sind. Außerdem fragten wir uns, wieviel wir der Familie zusätzlich kosten und wieviel die Familie von uns bekommt. Mit Marie führe ich vom ersten Tag an ständige Reflexionsgespräche und wir stellten immer wieder Fragen in den Raum. Es ist so wertvoll, eine Mitbewohnerin wie Marie zu haben.
Auf den Preisschildern fehlen oft die drei Nullen hinter der Zahl. So kostet die Nivea Body Lotion 24.000 Dinar. Das sind zum „Schwarzmarktkurs“ umgerechnet ca. 10,- Euro, also deutlich teurer als in Deutschland. Die Uhren und Schmuckstücke in den Vitrinen waren mit einem Preis von 80.000 Dinar ausgezeichnet. Das sind umgerechnet ca. 300,- EUR. Erst ein paar Tage später erfuhren wir, dass in den Camps mit einer eigenen Währung bezahlt wird, die sie Duro nennen.
al-Liṯām
Cord und Leo kauften im ersten Geschäft je zwei Meter Stoff, um sich einen liṯām, eine Kopfbedeckung für Männer, zu binden. Durch die große Hitze löste sich Cords liṯām auf. Ich war neugierig, lieh ihn mir und bat Hassina, ihn mir um den Kopf zu binden. Der spezielle sahrauische Stil, den man hier bei den meisten Männern sieht, umhüllt fast den ganzen Kopf. Nur die Augenpartie bleibt frei. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man sich damit fühlt, habe ich versucht, ihn so lange wie möglich zu tragen. Insgesamt habe ich nur ca. 15 Minuten durchgehalten, da es sehr warm war.
Die Sandrose
In einem Geschäft fanden wir Souvenirs wie Schlüsselanhänger mit der DARS-Flagge. Cord entdeckte in einer tiefen Vitrine sandfarbene Steine. Er zeigte auf die Vitrine und fragte Leo, ob er den Besitzer auf Arabisch fragen könne, was dies für Waren in der Vitrine sind. Der Ladenbesitzer holte einen Stein heraus und zeigte ihn uns. Der Stein hatte eine besondere Form, die einer Rose ähnelt. Aber die Blätter der „Rose“ waren so hart wie ein Messer. Da ich in meiner Jugend schon einmal eine blaue Sandrose besessen hatte, wusste ich sofort, dass es sich um das Mineral Sandrose handelte. Meiner damals war blau, weil er viele Kupferionen enthielt und aus einem ausgetrockneten Salzsee in der Wüstenregion im Nordwesten Chinas stammte. Die typische Sandrose ist sandfarben. Dieser Steintyp „wächst“ durch das Zusammenwirken von Sand, Wasser, Hitze und Wind in der Regel nur in der Wüste. Je größer der Stein, desto länger dauert dieser Entstehungsprozess.
Doch bevor ich meine wissenschaftlichen Kenntnisse über den Stein mit meinen Kommilitoninnen teilen konnte, ließ unser Verkäufer eine unwissenschaftliche und eher märchenhafte Verkaufsgeschichte von Leo übersetzen:
Wenn man zu Hause Wasser auf den Stein gießt, wächst er weiter. Alle vier von uns haben trotz des hohen Preises von 1.000,- Dinar eine Sandrose gekauft. Nachdem ich allen erklärt hatte, dass der Stein ohne die natürlichen Bedingungen der Wüste nicht weiter wachsen wird, weil wir ihn mit nach Deutschland nehmen werden, waren sie fast ein bisschen traurig. Der Verkäufer dagegen war sicher glücklich. Er wurde auf einen Schlag vier Steine für je 1.000 Dinar los. Was für ein gutes Geschäft!
Der Regen
Für uns war es keine große Überraschung, dass alle Geschäfte um 11:00 Uhr wegen des Gebets nicht geschlossen hatten. Allerdings sahen wir kurz nach 11:00 Uhr ein Gewitter auf uns zukommen. Da wir wussten, dass es in der Nähe starke Regenfälle gab, hatte sich die Gruppe noch Zeit genommen, um ein anderes Geschäft zu besuchen. Es bestand offensichtlich kein akuter Handlungsbedarf, nachdem man den Regen bereits im nächsten Dorf gesehen hatte. Die Gelassenheit unserer sahrauischen Familienmitglieder steht im krassen Gegensatz zu meiner instinktiven Reaktion auf das drohende Gewitter. In Gedanken gehe ich meine Sorgen durch: „Haben wir überhaupt ein Auto für die Rückfahrt?“ „Schaffen wir es noch rechtzeitig vor dem Gewitter nach Hause?“ „Oh nein, wir sind zu viele, wir passen nicht alle in ein Auto“ „Es ist höchste Zeit, dass wir jetzt anfangen, zumindest die Rückfahrt zu planen, schließlich ist es eine große logistische Herausforderung mit so vielen von uns“ ...
Ich zog Marie heimlich zur Seite und zeigte ihr den Regenhimmel, der auf uns zukam. Marie antwortete: Das werden sie schon wissen. Dieser Satz löste in mir eine therapeutische Wirkung aus. Der aufsteigende Stress in mir legte sich und mein Bewusstsein veränderte sich schlagartig. Von nun an erlebe ich einen anhaltenden Zustand der Bewunderung. Wie ein Schwarm sauge ich alle (vor allem nonverbalen) Eindrücke auf, die um mich herum geschehen.
In den letzten Läden gab es einen Zwischenfall. Hassina hat sich nämlich einen Teller als Geschenk gewünscht. Daraufhin haben Cord und Leo Hassina den Teller gekauft. Sie waren aber nicht ganz zufrieden damit, weil das Geschenk nicht von Cord und Leo selbst kam, sondern Hassina sich das gewünscht hat. Der Ablauf entsprach also nicht den europäischen Gepflogenheiten. Diskussionen und Zwischenfälle rund um Geschenke sind kein Einzelfall und gehören zu den kleinen Kulturschocks, die europäische Studierende gelegentlich erleben.
Endlich ging es los. Mühsam kämpfte sich die Gruppe gegen den immer stärker werdenden Wind die große Asphalt entlang. Die dunklen Regenwolken hingen immer tiefer und nahmen die Farbe der Sahara an. Der Himmel sah aus, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.
Die Autos, die an uns vorbeifuhren, machten keine Anstalten, uns mitzunehmen. Wir gingen die Straße entlang in Richtung unseres Dorfes. Nach Hause zu laufen war keine Option, da der Weg zu weit war.
Hassina
Hassina folgend, überquerten wir die Straße und hielten in einer Nachbarschaft. Hassina lief vor zu den Frauen, die vor ihren Häusern standen, begrüßte sie und begann sich mit ihnen zu unterhalten. Ara und Heilia entfernten sich ein Stück von uns, während Leo ihnen folgte, um mit ihnen zu sprechen. Marie, Cord und ich blieben an der Straße und warteten. Hassina und die Frauen nahmen sich viel Zeit, um sich in Ruhe zu unterhalten. Plötzlich fielen sehr große Tropfen auf uns.
In diesem Moment tauchte plötzlich ein Mann auf und startete den Renault-Sprinter, der die ganze Zeit neben den Häusern stand. Wir rannten von allen Seiten auf das Auto zu und stiegen durch die Hintertür ein. Alle konnten mitfahren. Der Regen wurde immer stärker und wir waren schon in Sicherheit.
Ich konnte mich nicht so schnell von meiner Bewunderung für Hassina erholen. Sie hat in kürzester Zeit eine Lösung gefunden und diese Familie, die neben dem Souk wohnt, überredet, uns nach Hause zu fahren. Wir haben Hassina noch nie lachen sehen. Ihr Gesicht ist oft verbittert. Aber in dieser Notsituation hat sie einfach die Verantwortung für uns alle auf ihre Schultern genommen. Sie hat unglaublich sozial und effizient gehandelt.
Was verbirgt sich hinter dem kühlen Gesicht von Hassina? Wer ist diese dünne Frau, die mir in einer Minute einen Turban umbindet und in fünf Minuten einen Renault-Sprinter mit Fahrer für acht Personen organisiert? Warum lacht sie nie? Warum schimpft sie immer? Ich spüre ihre Herzlichkeit, als sie das erste Mal zu uns (Marie und mir) ins Zimmer kam und sich vorstellte. Sie schien mir ein anderes Bild von sich zu zeigen als das, was sie den Jungs zeigt. Ich bin fasziniert von dieser Frau. (Dass ich am letzten Tag beim Abschied in ihren Armen weinte, ahnte ich damals noch nicht. Aber ich glaube, sie wusste auch intuitiv, dass sie meine größte Bewunderung und meinen größten Respekt hatte).
Die Rückfahrt
Wir saßen auf dem Boden des großen Renault Sprinters und fühlten uns alle sicher und erleichtert. Der Fahrer ist ein guter Freund von Mahamed. Er unterhielt sich während der Fahrt sehr lebhaft und freundlich mit Leo und als er schon angehalten hatte, sprach er noch ein paar Minuten mit Leo. Er hat ihm erzählt, dass Mohamed darüber nachdenkt, Deutsch in der Schule einzuführen. Er begrüße diese Idee sehr. Französisch mochte er dagegen nicht. Es gebe in der Bevölkerung des Camps ein grundsätzliches Ressentiment gegen die französische Sprache. Das sei historisch bedingt. Für Marie und mich war dies ein kleiner erhellender Moment, da wir im Seminar mit Judit Tavakoli über die Komplexität des Fremdsprachen-Politics im Camp gelesen haben. Die Aussage unseres Fahrers bestätigt das, was wir in den Papers gelesen haben.
Mittags
Nach der großen und erfolgreichen Einkaufstour kehrten wir hungrig zurück. Wir hatten gut zu Mittag gegessen. Als Marie über ihrem Tagebuch saß, fragte ich sie, was sie von hier mit nach Deutschland nehmen möchte. Sie antwortete ehrlich, dass sie in Ruanda die Erfahrung gemacht habe, dass man in Deutschland die Eindrücke der Reise schnell vergisst. Deshalb werde sie versuchen, die Eindrücke zu lang wie möglich zu halten und darauf zu achten, dass sie nicht so schnell wieder von Deutschland einnehmen zu lassen. Gleichzeitig schreibt sie das Tagebuch, um die Eindrücke besser festhalten zu können.
Nachdem Marie mit ihrem Tagebuch fertig war, ging sie mit Cord und Leo spazieren. Als sie zurückkam, machte ich mich fertig und ging alleine spazieren.
Das Bild
Ich bin zu Ela und Christina gegangen, um den Gastvater zu besuchen. Er ist der einzige, den ich in der Nachbarschaft kenne, der Französisch spricht. Aber die Tür war verschlossen und Christina schrieb mir auf Whatsapp, dass sie mit ihrer Familie unterwegs seien. Plötzlich flogen zwei sehr kleine, aber laute Vögel an mir vorbei. Sie waren beide so groß wie Schwalben und hatten beide einen weißen Hintern, als wären sie mit dem Hintern nach unten in einen Sack Weizenmehl gefallen. Ich erkannte sie, es waren Bubisher! Der Bubisher ist ein Saharasteinschmätzer. Nach sahrauischem Volksglauben ist er ein Glücksvogel. Und sie sahen genau so aus wie das Cartoon-Bild vor dem Eingang der Bubisher-Bibliothek, die wir am ersten Programm-Tag besuchten. Ich rannte ihnen hinterher, verlor aber schließlich die Spur. Ich hatte mich schon ein Stück von den Häusern entfernt. Plötzlich sah ich ein Bild, das mich mit seiner friedlichen Ausstrahlung überwältigte.
Die tiefen Gewitterwolken der Sahara zeigten sich in einem gigantischen Format, alles unter den Wolken, wie z.B. die Häuser und die rotgefärbte Erde wurden von der Nachmittagssonne der Sahara angestrahlt. Aber es war nicht dieses gigantische Naturschauspiel, das mich ergriffen und überwältigt hat. Die friedliche Ausstrahlung einer Familie, die in der Wüste zusammensaß und gemeinsam den ruhigen Freitagnachmittag und die Sahara nach dem heftigen Gewitter genoss, ließ mich sprachlos staunen. Frieden ist hier und jetzt. Mein Herz blieb in diesem Moment stehen.
Plötzlich entdeckten mich die Kinder dieser Familie. Sie rannten aus einer Entfernung von etwa 100 Metern auf mich zu. Als sie sich mir näherten, breiteten sie ihre Arme so weit wie möglich aus und umarmten mich mit aller Kraft. Ich, von dem Bild geblendet und noch in Ekstase, erlebte das alles wie im Traum. Ich blickte in ihre strahlenden Augen voller Freude und Hoffnung und verlor alle Gedanken. Nur ein Traum kann so süß sein. Sie ergriffen meine Hände und zogen mich zu den Frauen, die die Protagonisten meines Bildes waren.
Ich stellte mich als Sijia vor, deutete mit dem Finger in die Richtung der Nachbarschaft und erklärte mich mit dem Wort „Almaniya“. Sie machten das typische „Ja“-Geräusch. Und sagten auf Spanisch, dass sie uns kennen. Eine jüngere Frau fragte mich auf Spanisch, wann wir wieder nach Deutschland fahren würden. Ich antwortete mit „Sabah wa Sabah“, um mit meinem begrenzten Arabisch das Wort „übermorgen“ auszudrücken. Sie begann auf Spanisch zu erklären, dass sie alle Schwestern seien. Dann fragte sie mich, ob ich verheiratet sei. Als sie erfuhr, dass ich keinen Mann habe, zeigte sie auf ihre ältere Schwester und versuchte mir zu erklären, dass sie auch keinen Mann habe, sie sei genau wie ich. Als ich versuchte, mehr Details über die ältere Schwester zu erfahren, rief Marie mich an und bat mich dringend, nach Hause zu kommen. Ich erfuhr nicht, ob die ältere Schwester verwitwet oder unverheiratet war. Und sie schien mir gerade etwas aus ihrem Leben erzählen zu wollen, als mein Telefon klingelte. Ich entschuldigte mich und verabschiedete mich von den Damen und den Kindern. Dann bin ich losgelaufen, denn die Sache schien dringend zu sein.
Diese Begegnung war sehr kurz und mein "Ekstase"-ähnlichen Zustand half mir nicht, die Eindrücke rational zu ordnen. Was mich sehr beeindruckt hat, war, dass die Schwestern mit mir sprachen, als ob sie mich schon lange kennen würden. Sie waren so friedlich, so entspannt, als ob ich schon immer zur Familie gehört hätte. Es schien keine Rolle zu spielen, wie ich aussehe. Ich kann ein chinesisches oder ein deutsches Gesicht haben, aber da ich zu ihnen gegangen bin, gehörte ich sofort zu ihrer Familie.
Maries Frage am ersten Tag im Camp ging mir immer wieder durch den Kopf: „Aber kannst du dir vorstellen, hier zu leben?“ Diese Frage taucht während des gesamten Aufenthaltes immer wieder auf. Aber es fällt mir immer schwerer, eine klare Antwort zu geben. Ich wurde von der Sahara einverleibt, ich wurde von dieser geheimnisvollen und unbekannten Kultur einverleibt. Die Sahara hat mich gegrillt und dann mit dem heftigsten Gewitter getauft. Im Laufe der Tage veränderte ich mich allmählich. Aber die Veränderung war so unterschwellig, dass ich nicht sagen kann, was und wie ich mich verändert habe. Ich habe es ohne Duschen und ohne Social Media ausgehalten. Ich schätze Wasser und Frieden so sehr, dass ich, wenn ich beides in meinem Leben hätte, der glücklichste Mensch der Welt wäre. Heute habe ich gelernt, wie ich den Regen vom Himmel fallen sehen und mich trotzdem in Ruhe mit den Menschen unterhalten kann. Und ich kann auch mit Fremden über mein Privatleben sprechen, als ob ich schon immer zu ihrer Familie gehört hätte.
Es gibt etwas, das größer ist als wir Menschen. Es kann unser Leben prägen und verändern. Ich will nicht die Thesen des Materialismus in den Vordergrund stellen, aber im Moment habe ich keine bessere Erklärung für das, was ich erlebt habe. Dieses Leben im Camp, dieses Miteinander, wer hat es geformt? War es die Sonne? War es der Wind? Meine Antwort ist: Es war die Sahara. Aber das ist nur eine vorläufige Antwort. Ich hebe sie mir für mein späteres Leben auf, um der Frage weiter nachzugehen.
Plötzliche Abfahrt zum Interview
Der Grund, warum Marie mich plötzlich anrief, war, dass wir außerplanmäßig zum Interview fahren mussten. Fatmatu, die uns ein Interview für Samstag versprochen hatte, merkte plötzlich, dass sie Freitag gemeint hatte. Also haben wir vier Frankfurter (Cord, Marie, Teresa und ich) uns schnell mit Leo zusammengetan und sind zu Fatmatu gefahren. Leo kam mit, weil er sich dafür interessierte.
Die vier Frankfurter hatten vor der Reise gemeinsam ca. sechs Interviewfragen zu unserem Forschungsthema „Generationswandel der Frauen im Camp“ ausgearbeitet. Wir wussten aber nicht, wen wir interviewen könnten und warteten die ganze Zeit auf eine Gelegenheit. Beim gestrigen Besuch des Heimatmuseums waren Cord und Marie sehr aufmerksam. Als die Museumsdirektorin Fatmatu eine lange Abschiedsrede vor dem Museum hielt, wussten wir, dass diese Frau mit der starken Ausstrahlung unsere Frau ist. Daraufhin baten Cord und Marie sie um ein Interview, das ursprünglich für Samstagabend geplant war. Da Bedida eine vorübergehende Rolle als Übersetzerin für das Programm des Heimatmuseums übernommen hatte, blieb es ihr Schicksal, auch am Interviewtag unsere Hassaniyya-Deutsch-Übersetzerin zu sein. Bedida zeigte an beiden Tagen ihr Talent als Übersetzerin und wir fühlten uns nach dem Interview, als ob sie schon ein Mitglied unseres Forschungsteams geworden ist. Nachdem wir Fatmatu am Vortag das Thema unserer Forschung erklärt hatten, lud Fatmatu, uns entgegenkommend ein, ihre Pflegetochter und eine weitere Dame zu interviewen. Das Interview dauerte dann circa zwei Stunden. Cord hat den gesamten Ablauf modelliert. Er hat das sehr gut gemacht. Es gab eine Frage, bei der eine bestimmte Voreinstellung eingebaut war. Als Marie das merkte, hat sie die Frage sofort umformuliert und den befragten Damen die Freiheit gelassen, zu antworten. Überraschenderweise erwiesen wir uns auch als gut eingespieltes Forschungsteam, worauf ich sehr stolz war. Als das Interview beendet war, war es draußen schon stockdunkel.
Mein Scheidungslied in einer Minute
Nachdem Cord, Marie Leo und Teresa mit dem Auto weggefahren waren, musste ich mit Bedida auf die Rückkehr des Autos warten. So musste Bedida noch meine letzte höfliche Bitte an die Damen übersetzen. Da Fatmatu mich am Vortag im Heimatmuseum mit einer traditionellen sahrauischen Hochzeitszeremonie verheiratet hatte, bat ich sie, mich nach sahrauischer Tradition zu scheiden, d.h. eine traditionelle Scheidungsfeier durchzuführen. In dem Moment, als Bedida den Damen meine Bitte erklärt hatte, leuchteten die Augen der Damen, sie waren alle so aufgeregt, sie fühlten sich so glücklich, und noch glücklicher als dem Moment als sie gestern im Heimatmuseum die Braut gefunden hatten. Fatmatu sprach lange mit Bedida. An ihrer Geste erkannte ich, dass Bedida, selbst als gebürtige Sahraui, von dem nicht mehr häufig praktizierten Scheidungsfest nichts wusste. Dann erzählte mir Bedida, dass die Damen es so lustig fanden, dass ich ernsthaft nach einer traditionellen Scheidungsfeier fragte, denn gestern hätten wir doch nur eine Hochzeit gespielt. Nachdem Bedida von den Damen über diese wichtige Tradition aufgeklärt wurde, fingen die Damen an, das Scheidungslied zu singen. Sie sangen insgesamt etwa nur eine Minute lang, aber mit so viel Freude. Ich konnte mir eine traditionelle Scheidungsfeier vorstellen, denn die Art und Weise, wie die Frauen das Scheidungslied mit klatschenden Händen gesungen haben und wie viel Kraft und Freude sie beim Singen zum Ausdruck brachten, zeichnete eine Scheidungsfeier als echte fröhliche Feier aus. Das war meine erste Erfahrung mit einer Scheidung. Dass sie so positiv war, hat mich selbst überrascht.
© B. Gräf
Am 21.09. erwartete uns ein straffes Programm, das wir im Folgenden beschreiben.
CM und Elia Khubieva
Sahrawische Presseagentur
Am 21.09. erwartete uns ein straffes Programm. Morgens ging es mit dem Bus nach Rabuni, dem zentralen Verwaltungslager, wo wir als erstes die Sahrauische Presse-Agentur SPS („Sahara Press Service“, https://www.spsrasd.info/en) besichtigen durften. Leider hatte es in der Nacht davor so stark geregnet, dass an diesem Morgen wegen Strom- und Netzausfällen kein normaler Arbeitsbetrieb möglich war und wir keine Gelegenheit hatten, direkt mit den insgesamt sechs angestellten Journalistinnen und Journalisten zu sprechen.
Bei einem Rundgang durch die spartanisch eingerichteten Räume erfuhren wir dennoch interessante Fakten zur Geschichte der Presseagentur, die 1999 gegründet wurde und alle relevanten Themenbereiche wie Politik, Diplomatie, Militär und Sicherheit (insbesondere in den besetzten Gebieten), Soziales sowie internationale Nachrichten abdeckt. Während die Beiträge der Agentur anfangs nur auf Französisch verfügbar waren, standen sie ab 2001 auch auf Spanisch, ab 2003 auf Englisch, ab 2005 auf Arabisch und ab 2012 auch auf Russisch zur Verfügung. Durchschnittlich verfasst jeder Journalist etwa 30 Beiträge monatlich.
Ein Mitarbeiter der Agentur berichtete über ein zentrales Problem, dem die Agentur immer wieder ausgesetzt ist: die vielen Hackerangriffe, von denen die meisten – mit einer einmaligen Ausnahme im Jahr 2009 – bisher abgewehrt werden konnten.
Der Besuch umfasste auch eine Besichtigung der unterschiedlichen Räume der Agentur: das arabische Ressort (zum Teil wegen der Regenfälle abgedeckt), die internationalen Sprach- und Übersetzungsbüros, die technische Abteilung für Cybersicherheit sowie das Büro des Geschäftsführers.
Saharawi Mine Action Coordination Office
Anschließend ging es weiter zur Minenräumorganisation SMACO („Saharawi Mine Action Coordination Office“), welche alle Minenräumungsaktivitäten in der Westsahara östlich des sogenannten Berms koordiniert (die Sahrauis nennen die Region „Befreite Gebiete“, die Gebiete, die beim Waffenstillstandsabkommen 1991 zum Territorium der DARS gehören).
Hier konnten wir uns anhand vieler Fotos ein eindrucksvolles Bild von den verheerenden Folgen der Millionen von Personen- und Panzerminen machen, die auf einer Breite von fünf Kilometern östlich des 2.700 km langen, von Marokko gebauten Sandwalls gelegt wurden und die Region dadurch zum größten Minenfeld der Welt machen. SMACO befasst sich mit verschiedenen Minentypen: Personen- und Panzerminen, nicht explodierter Munition (UXO) und Streumunition, wobei letztere als besonders gefährlich gilt. Für die Minenräumung sind spezielle internationale Zertifizierungen (EOD - Explosive Ordnance Disposal) erforderlich, die sowohl Zivilisten als auch medizinisches und administratives Personal durchlaufen müssen.
Der Direktor Beddi Salik erläuterte uns die Hauptaufgaben der Organisation, darunter die Koordination aller Minenräumungsaktivitäten und die Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren wie den Vereinten Nationen und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Sie helfen, internationale Anerkennung zu erlangen, Mittel zu beschaffen und bei der Minenkoordination zu unterstützen. Der größte Teil der Finanzierung stammt vom deutschen Auswärtigen Amt, das unter anderem die Entminung, Aufklärungsprogramme und den Bau des Organisationsbüros unterstützt.
Zu den Tätigkeiten der Organisation gehört neben der Entschärfung von Minen, Blindgängern und Streumunition nach internationalen Standards auch die Aufklärung der Bevölkerung, insbesondere von Kindern, über die Risiken von Minen. Im Rahmen eines Wettbewerbs erstellen Kinder Zeichnungen zu diesem Thema.
Seit der Wiederaufnahme des Konflikts mit Marokko am 20. November 2020 sind Drohnen eine neue Bedrohung, die zusätzliche Herausforderungen für die Arbeit der Organisation darstellt.
Viele Sahrauis blieben nach dem Waffenstillstand von 1991 in den Flüchtlingslagern, da sie die Region/Befreiten Gebiete weiterhin als unsicher betrachten. Nach und nach kehrten jedoch Viele zurück, die jetzt wieder ihre Bleibe verlassen mussten. In den ersten drei Jahren der neuen Konfliktphase registrierte die Organisation 173 Angriffe durch Drohnen auf Zivilisten.
Jugendorganisation UJSARIO
Ergriffen und betroffen von den erschreckenden Bildern mussten wir bereits kurz darauf weiter zum nächsten Termin mit der Jugendorganisation UJSARIO („Union des Jeunes des Saquia el Hamra et Rio de Oro“) der Frente Polisario, die Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche in den Flüchtlingslagern organisiert und insbesondere Mädchen und junge Frauen gezielt fördert. Rund 1.500 Kinder und 2.000 Jugendliche kommen regelmäßig in die neun Jugendzentren, um zu spielen, zu basteln, zu lernen oder Sport zu machen. In den besetzten Gebieten versucht die Organisation, über soziale Medien und Menschenrechtsorganisationen präsent zu sein. Für die jungen Saharawis, die im Ausland zur Schule gehen, organisiert UJSARIO in den Sommerferien ein spezielles Ferienprogramm, um kulturelle Werte zu vermitteln und der Entwurzelung der Jugendlichen entgegenzuwirken.
UJSARIO wurde gegründet, um die Interessen der sahrauischen Jugend zu vertreten und gliedert sich in zwei Abteilungen: Jugend und Pfadfinder. Ein Teil ihrer Arbeit besteht darin, mit Kindern von Kämpfern, die an der Front sind, Programme zu organisieren und Freiwilligenarbeit zu fördern. Vor kurzem hat die Organisation ihre Kooperation mit algerischen Familien intensiviert, da spanische Familien nach der Corona-Pandemie weniger Kinder aufnehmen. Die Organisation kämpft mit den begrenzten finanziellen Mitteln, versucht jedoch, ihre Arbeit den sich verändernden Bedürfnissen der Jugend anzupassen. Die beiden uns begleitenden Vertreter der UJSARIO betonten, dass ihre Rolle als gewählte Führungspersönlichkeiten darin besteht, den Erwartungen der Jugendlichen gerecht zu werden.
Erschöpft von der Fülle an Informationen am Vormittag machten wir uns auf den Rückweg zur Mittagspause bei unseren Gastfamilien.
Wasserversorgung in Laayoune
Gestärkt vom Mittagessen machten wir uns am Nachmittag auf den Weg zur Besichtigung der Wasserversorgung, welche in dieser (normalerweise) ausgesprochen regenarmen Region naturgemäß eine große Herausforderung darstellt. Das Versorgungssystem ist in drei Zonen unterteilt, die die verschiedenen Lager mit Grundwasser aus etwa 80 bis 100 Meter tiefen Brunnen versorgt. Die durchschnittlich zugeführte Wassermenge liegt dabei allerdings unter 20 Litern pro Person und Tag, was weit unter den empfohlenen Standards liegt. In den letzten 20 Jahren konnte die Wasserqualität durch Umkehrosmose- und Chlorierungsanlagen zwar deutlich verbessert werden, allerdings weist das zugeführte Rohwasser oft hohe Konzentrationen an Jod natürlichen Ursprungs auf, was gesundheitliche Folgen mit sich bringen kann, wie etwa Schilddrüsenerkrankungen. Der zuständige Direktor Salem erklärte uns die Funktionsweise der zentralen Anlage, die erst seit zwei Monaten durch UNICEF Spanien finanziert wird. Bei Stromausfällen kann die Wasserversorgung allerdings nicht rechtzeitig gewährleistet werden. Zudem gibt es eine spezielle Kommission für Ausnahmesituationen.
Referate
Abends trafen wir uns alle bei einer unserer Gastfamilien, um gemeinsam mehrere Referate zu hören und über verschiedene Themen zu diskutieren. Wir sprachen zunächst über die Besonderheiten des Hassaniya-Dialekts, der ca. 10 Prozent Amazigh-Wörter enthält und bei dem der Buchstabe ق wie „g“ ausgesprochen und im Arabischen mit 3 Punkten geschrieben wird. Als Beispiel für sahrauische Musik hörten und besprachen wir ein Lied von Maryam Manat al-Ḥassān.
Anschließend hörten wir ein Referat über politische Gefangene in Marokko und die Repressionen des marokkanischen Staates gegen die Sahrauis. Insgesamt geht man von ca. 30.000 politischen Gefangenen seit 1975 aus, wobei schätzungsweise aktuell noch ca. 50 inhaftiert sind, und insgesamt ca. 4.500 Verschwundenen, wobei der Verbleib von ca. 445 bis heute unklar ist.
Zum Abschluss beschäftigten wir uns mit dem Wandel der sahrauischen Identität unter Fluchtbedingungen. Da Menschen durch Flucht eine geographische, soziale, kulturelle und materielle Entwurzelung erfahren und gewohnte Handlungsstrategien nicht mehr greifen, sind sie zur Aufgabe von Gewohnheiten und Anpassung gezwungen, was zu einem Gefühl von Unsicherheit führt und das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit verstärkt. Um das Eigene zu definieren werden Abgrenzungsmechanismen verwendet, so dass Flüchtlingslager oftmals Nährboden für das Herausbilden neuer nationaler und ethischer Identitäten sind.
Das Verständnis der sahrauischen Identität setzt sich dabei aus mehreren Teilbereichen zusammen. Zum einen findet eine Rückbesinnung auf die beduinische Vergangenheit statt mit den damit assoziierten Werten wie Stärke, Mut, Ausdauer, Gastfreundschaft und Toleranz. Hierdurch wird eine Zugehörigkeit zu dem verlassenen Ort hergestellt, obwohl viele Flüchtlinge nie selbst als Nomaden gelebt und ihre Heimat nie kennengelernt haben.
Ein toleranter, fortschrittlicher und offener Islam wird als Grundlage sahrauischer Identität angesehen und es kommt zu einer Abgrenzung von den Glaubenspraxen anderer muslimischer Länder, die als konservativ empfunden werden.
In der Fremd- und Selbstwahrnehmung gelten die Sahrauis als arabisches Volk. Gleichzeitig findet eine deutliche Abgrenzung zu den Mauretaniern statt sowie zu den Marokkanern aufgrund der Sprache und verschiedenen materiellen Merkmalen (wie Kleidung, Essen, Musik und Kunsthandwerk).
Anderseits drückt sich der Wunsch nach Zugehörigkeit zu den aktuellen Aufenthaltsorten durch die Einrichtung mit materiellen Gütern aus, wie z.B. der Veränderung der privaten Wohnräume, dem Erwerb neuer technischer Geräte wie Kühlschränken, Klimaanlagen und Handys oder dem Besitz von Fahrzeugen. Diese erworbenen Güter können einerseits Zugehörigkeit und Anpassung symbolisieren, andererseits aber auch Teil von sozialen Abgrenzungsmechanismen sein, weil Produkte mit den produzierenden Gesellschaften in Verbindung gebracht und entsprechend konnotiert werden.
Zudem erfahren junge Sahrauis aufgrund von Bildungs- und Arbeitsmigration ins Ausland lange Zeiten der Abwesenheit von Familie und Flüchtlingslagern. Je nach Lebensstandard und –bedingungen des Aufnahmelandes, Aufenthaltsdauer und Alter des Jugendlichen, stoßen Rückkehrer aufgrund großer Unterschiede zwischen politischen, kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Anschauungen der Aufnahmeländer und der Flüchtlingslager auf Schwierigkeiten bei der Reintegration in die Herkunftsgesellschaft.
© B. Gräf
Unser letzter Tag im Flüchtlingslager Layyoune – Unsere Gastmutter Heidara ruft uns mit einem يا بانات يلا الفطور zum Frühstück. Wie jeden Morgen hat sie einen Teppich im Innenhof ausgebreitet, darauf einen kleinen Plastiktisch gestellt, auf dem das Frühstück für uns bereitsteht.
Es gibt Kaffee und heiße Milch, dazu frisch gebackenes Brot und den allgegenwärtigen Streichkäse „La vache qui rit“ - kein Frühstück ohne diese rote lachende Kuh.
Am Vormittag treffen wir uns mit dem Kultur- und Bildungsminister der Polisario in der neu eröffneten Bibliothek, der einen Vortrag hält und den hohen Einsatz sahrauischer Frauen im Bildungsbereich betont, sie würden ca. 90 Prozent der Beschäftigten ausmachen. Die Frauen seien es gewesen, die nach der Flucht aus dem Gebiet der Westsahara und der Gründung einer Exilregierung auf algerischem Boden, das Bildungswesen aufgebaut hätten. Während dieser Zeit befand sich der Großteil der sahrauischen Männer im Krieg gegen das marokkanische Militär, das 1975 die Grenze zur Westsahara überquert hatte, was zum Ausbruch eines bis 1991 anhaltenden bewaffneten Konflikt geführt hatte. Aufgrund des hohen Stellenwerts der Bildung und des Einsatzes der sahrauischen Frauen hätten die Sahrauis heute eine der höchsten Alphabetisierungsquote des afrikanischen Kontinents.
Trotz hoher Eigeninitiativen seien sie in den Camps enorm von ausländischer Hilfe abhängig, die aber bei weitem nicht ausreichen würde. Die finanzielle Unterstützung die sie vom UN-Hilfswerk und verschiedenen, vor allem spanischen NGO’s erhalten würden, decke weniger als 60 Prozent des Bedarfs im Bildungsbereich. Eine Lehrerin würde alle drei Monate ein Gehalt von 32 Dollar für ihre Lehrtätigkeit erhalten.
Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie seien die finanziellen Hilfen für die sahrauische Bevölkerung zurückgegangen, und viele Austauschprojekte und Ausbildungsprogramme zwischen der Polisario und anderen Ländern wurden aufgrund der Corona Einschränkungen ausgesetzt und oftmals nicht wiederaufgenommen.
Im Anschluss laufen wir zu einem nahegelegenen Garten. Es handelt sich um ein Projekt, das von Khadija Bedati ins Leben gerufen wurde. Es soll Anreize schaffen, die eigene Versorgung durch den Anbau von Kräutern und Gemüse zu verbessern. Schwer vorstellbar, dass in der kargen Wüstenregion überhaupt etwas wachsen kann, zumal sie zu einer der trockensten Regionen der Welt zählt, in der es über Monate oder gar Jahre kaum oder überhaupt nicht regnet.
Verwundert bin ich außerdem, als ich eine kleine Muschel auf dem ausgetrockneten Boden finde, welche ich hier nicht vermutet hätte. Vielleicht ein Fossil aus der Vergangenheit, welches darauf hindeutet, dass die Sahara vor 6.000 Jahren in weiten Bereichen eine grüne Steppe mit Flüssen und Seen war.
Wir bekommen frische Datteln und grünen Tee. Letzteren trinken die Sahrauis bei jeder Gelegenheit und die Zubereitung beinhaltet eine besondere Zeremonie. Eine Kanne mit Wasser, Teeblättern und Zucker wird auf glühende Holzkohle gesetzt und gekocht. Dann wird der fertige Tee in kleine Gläschen gegossen und mehrere Male in hohem Bogen von einem in das andere Glas und wieder zurück geschüttet, was ein erwünschtes Aufschäumen des Tees bewirkt. Sijia, die Teilnehmerin der Exkursion aus Frankfurt ist, erzählt uns, dass sie mit einer sahrauischen Frau über diese Teetradition gesprochen habe und dabei ein sahrauisches Sprichwort kennenlernen durfte:
Demnach heißt es:
„Der erste Tee ist so bitter wie das Leben. Der zweite Tee ist so süß wie die Liebe. Der dritte Tee ist so sanft wie der Tod.“
Am Nachmittag bietet sich für uns die Gelegenheit die Moschee „Masǧid al-Kitāb wa-s-Sunna“ zu besichtigen. Der Imam erzählt uns, dies sei die erste Moschee im Flüchtlingslager Layyoune, die 2001 erbaut wurde. Vor dem Bau der Moschee hätten sich die Gläubigen in einem einfachen Raum eines Privathauses versammelt. Wir dürfen den Gebetsraum betreten und er zeigt uns im Anschluss, die der Moschee angehörige Bibliothek, den Waschraum und die Madrasa, in der einige Kinder des Camps den Islamunterricht zusätzlich zur allgemeinen Schule besuchen. Er verabschiedet sich von uns und meint jeder sei in der Moschee willkommen, ob Juden, Christen oder Muslime, alle glauben an den einen Gott.
Abendessen und Verabschiedung
Als Verabschiedung kocht unsere Gastmutter für die ganze Exkursionsgruppe das Abendessen, welches hervorragend schmeckt. Später trifft unser Fahrer ein, der uns in einem Kleinbus zum Flughafen von Tindouf fahren wird, damit wir unseren nächtlichen Flug in die algerische Hauptstadt erreichen.
Wir verabschieden uns von unserer Gastfamilie. Wäre es bei einem Abschied nicht angebracht traurig, leicht wehmütig zu sein? Ja, ein Stück weit bin ich betrübt, dass unser Aufenthalt endet. Die Gastfamilie war sehr humorvoll und wir haben viel gelacht. Aber vor allem bin ich froh, das Camp zu verlassen, denn es ist kein Ort an dem ein Mensch leben sollte. Der Mangel an sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln, die schlechte medizinische Versorgung, die Arbeitslosigkeit – die Präsenz von Armut und Unrecht ist überall deutlich. Das Privileg nach Deutschland zurückzukehren, löst Erleichterung in mir aus, gleichzeitig ein Gefühl der Beschämung und Ohnmacht über die enormen Ungerechtigkeiten auf unserer Welt.
Als wir aufbrechen, sieht der Himmel nach Regen aus. Bereits seit einigen Tagen kam es hin und wieder zu Niederschlägen. Diese Menge an Regen gab es zuletzt im Jahr 2018.
Lucia Reichart
© B. Gräf
Der 9. Tag unserer Exkursion führte uns aus der Wüste wieder zurück in das mediterrane Algier. Nach einem traurig-schönen Abschied im Camp von unseren Gastfamilien und einem anstrengenden Rückflug durch die Nacht waren wir am Morgen erst einmal damit beschäftigt, uns zu sammeln. Ein Großteil der Gruppe entschied sich, auf der Dachterrasse unseres Hotels auszuharren, bis die Zimmer beziehbar waren. Eine kleinere Gruppe von uns zog es im Antlitz der Mittagshitze jedoch Richtung Meer auf der Suche nach einer erfrischenden Abkühlung.
Algier verfügt über eine Reihe an öffentlichen Stränden, die für alle BewohnerInnen wie auch BesucherInnen der Stadt frei zugänglich sind. Die ebenfalls für das Baden geeigneten Abschnitte liegen oft direkt am Stadtzentrum und sind zu Fuß ohne Probleme zu erreichen. Während einige Strände vor allem als Freizeit- und Erholungsorte dienen, sind an anderen Orten wiederum Ansammlungen kleinerer Boote anzutreffen, die für Ausflüge auf das offene Meer oder zum Fischen genutzt werden.
Nach einem Sprung ins Mittelmeer am Kettani Strand und einer kurzen Erholungspause ging es dann mit dem richtigen Programm weiter. Nachdem wir bei unserem vorherigen Zwischenstopp in der algerischen Hauptstadt bereits die Kasbah erkundet hatten, stand jetzt das Nationale Museum für Antike und Islamische Kunst auf dem Plan. Dabei handelt es sich um das älteste moderne Museum in Algerien, das ausgehend von einer von den Franzosen begonnenen Kunstsammlung errichtet wurde.
Die ausgesprochen gut erhaltene und gepflegte Kollektion an Originalstücken und Nachbildungen macht unmittelbar deutlich, wie viele verschiedene Kulturen das Land bis heute geprägt haben. Fresken, Mosaike, Münzsammlungen, Statuen, Schmuck, Waffen, Kleidung und Gebrauchsgegenstände aus mehreren Jahrhunderten sind dort zu sehen: Angefangen von den antiken Numidiern, einem Berbervolk, dessen Angehörige berühmt waren für ihre Rolle in karthagischen wie römischen Armeen, über das Imperium Romanum, das germanische Königreich der Vandalen bis hin zur islamischen Eroberung sowie der Arabisierung weiter Teile des heutigen Algeriens. Vor diesem Hintergrund stellte sich auch uns die Frage, wie oder ob sich Kulturen als geschlossene oder eben offene Erscheinungen definieren lassen. Bezeichnungen wie Kulturkreis – die eine in sich abgeschlossene Form suggerieren – wirken dann Recht schnell nicht mehr angebracht beziehungsweise greifen in unserem konkreten Fall eindeutig zu kurz.
Deutlich wird dies nach wie vor am Stadtbild von Algier. Während rundherum um die Kasbah europäisch-französische und arabisch-islamische bzw. nordafrikanische Architektur aufeinandertreffen, überwiegen in anderen Teilen der Stadt eindeutig Gebäude im europäisch-französischen Stil. Umso schöner, aber eben auch verwirrender sind die Eindrücke auf den Straßen Algiers. Einige Szenen erinnern unmittelbar an andere arabische Metropolen und Großstädte wie Alexandria oder Beirut. An anderen Orten könnte man hingegen meinen, man befinde sich in Marseille.
Als architektonische Highlights auf unserer Erkundungstour lassen sich eindeutig die Cathédrale du Sacré-Cœur d'Alger sowie das Grande Poste d'Alger ausmachen. Beide Gebäude wurden noch zur Zeit der der französischen Kolonialherrschaft errichtet, unterscheiden sich aber in ihrer Gestaltung maßgeblich. Das imposante Postgebäude ist offensichtlich einem quasi- bzw. pseudo-historischen islamischen Architekturstil nachempfunden und sticht auf dem Boulevard Mohamed-Khemisti optisch sofort hervor. Die römisch-katholische Kathedrale fällt gleichermaßen ins Auge – jedoch aus entgegengesetzten Gründen. Der zentrale Turm des Sakralbaus im Stil des Brutalismus erinnert ohne jeden Zweifel an den Kühlturm eines Kernkraftwerks und passt im ersten Moment eher in einen Science-Fiction-Film.
Wem das alles zu viel ist, der kann sich in einer der zentralen Parkanlagen von Algier kurz vom Großstadtdschungel erholen. Im Freiheitspark – dort, wo sich auch das von uns besuchte Museum befindet – laden schattige Bänke, üppige Grünanlagen und reich verzierte Treppen zum Verweilen oder Erkunden ein. Vor allem junge Paare und Gruppen von Jugendlichen kommen hierher, um sich zu treffen. Eine weitere Besonderheit vor Ort sind die vielen Katzen, die den Park bevölkern und ihr Zuhause nennen dürfen.
Trotz der spürbaren Erschöpfung, die sich mittlerweile in unserer Gruppe breit gemacht hat, haben wir heute dennoch einiges an neuen Eindrücken gewinnen können. Nach den ereignisreichen Stunden und dem dichten Ablauf der letzten Tage ist es jedoch auch für uns an der Zeit, erst einmal etwas Schlaf nachzuholen und wieder neue Kräfte zu tanken, bevor es morgen direkt weitergeht.
Leo Neubauer
Die wilden Flugzeiten saßen uns noch im Nacken, als wir uns dem letzten vollen Tag in der Hauptstadt widmeten. Erste Station war das Märtyrerdenkmal und das dazugehörige Widerstandsmuseum, was vom Hotel aus stets in Sichtweite gewesen war. Um zum Denkmal zu gelangen, mussten wir uns aber erstmal durch das U-Bahn System wurschteln. Nach etlichen Side-Eyes der RoutinefahrerInnen plus einmal falsch aussteigen, hatten wir die erste Quest in Richtung Denkmal geschafft. Jetzt hieß es nur noch einmal kurz Luft anhalten, um mit der Gondel die richtigen Höhenmeter zu erreichen. Oben angekommen waren die 100 Meter des Denkmals, die in den Himmel ragen überraschenderweise eindrücklicher als aus der Entfernung des Hotels. Die Fläche direkt unterm Denkmal konnten wir leider nicht betreten. Mutmaßlich gab es noch höheren Besuch als unseren. Das Monument selbst stellt drei Palmwedel dar, die sich zu einer ewigen Flamme vereinen. Am Fuß jedes Palmwedels steht eine Soldatenfigur, die jeweils eine Epoche des Befreiungskampfs symbolisiert – mit passender Uniform und Waffe. Das Monument wurde am 5. Juli 1982, zum 20. Jahrestag der algerischen Unabhängigkeit, eingeweiht. Es ist den Märtyrern des Algerienkrieges gewidmet, der von 1954 bis 1962 dauerte. Nach 132 Jahren französischer Kolonialherrschaft erklärte Algerien am 5. Juli 1962 schließlich seine Unabhängigkeit, nachdem es einen langen und blutigen Krieg durchgestanden hatte. Auch das Museum stellte Eindrucksvolle Darstellungen von Widerstandskampf, Folter und Krieg dar.
Nach dem Besuch im Museum mussten wir wortwörtlich erstmal runterkommen und so seilten wir uns mit der Gondel wieder ab. Nach diplomatischen Verhandlungen konnten wir uns im Park namens Jardin d‘Essai niederlassen und uns ein paar saftige Pizzen gönnen. Als das alles verschlungen war, ging die Großfamilie getrennte Wege. Ich persönlich bewegte mich mit ein paar Artgenossen Richtung Mittelmeer. Auch wenn die Wogen an diesem Nachmittag etwas höherschlugen, breitete sich dann im Wasser eine magische Ruhe aus, die wir bis zum letzten Wellenschlag genießen konnten. Anschließend gingen wir noch auf einen letzten Gipfelsturm zur Zitadelle. Oben in den Nestern der Stadt, fanden wir in einer Rooftop-Bar eine Katze, die beeindruckende Bergsteigeskills vorzeigte und profitierten von einem einmaligen Blick über die Kasbah. Was half, die melancholische Stimmung des letzten Abends immer weiter nach hinten zu schieben, war ein gemeinsamer Besuch in einem Fischrestaurant direkt am Meer. Mental und physisch gut genährt ließen wir den Abend an der Promenade ausklingen, denn seelisch mussten wir uns auf einen harten deutschen Kultur-Cut vorbereiten.
Teresa Juen
© B. Gräf
Die letzte Nacht war kurz - der Ausblick aber war fantastisch. Ich verbrachte sie auf der Dachterrasse unseres Hotels. Julian, Teresa und Melissa waren mit von der Partie. In der Morgendämmerung glich die Große Moschee von Algier einem Leuchtturm.
Müde waren wir. Nach schneller Espresso-Injektion gerieten wir samt Gepäck in den Morgenverkehr von Algier. Beim Boarding der Autos lösten wir ein zeitweiliges Chaos in der gedrängten Straße der Kasbah aus.
Sahrauische Lieder wurden von YouTube über den Aux-Anschluss des Autos in meine Ohren und weiter aus dem offenen Fenster auf die Autobahn gespült. Wahrscheinlich über die Liebe. Aber ich stellte mir vor, sie handeln von einer Rückkehr. Übermüdung ließ den Gedanken schnell verblassen.
Am Flughafen schien die Sonne flach über der langen Straße. Unsere Gruppe war vollständig, der Weg war klar. Gepäckaufgabe, Einchecken, Sicherheitscheck, Warten.
Dieses Mal kamen wir alle reibungslos an den Ausreiseschaltern vorbei. Natürlich antwortete ich noch ein letztes Mal mit schlechtem Spanisch auf schwierig verständliches Französisch. Der Switch zwischen Algier, den Camps und wieder Algier brachte mein Sprachzentrum komplett ins Taumeln. Französisch, Spanisch, Französisch - die Kongokonferenz lässt bitter Grüßen.
Eine letzte Zigarette auf algerischem Boden und dann Dösen am Gate. Marie und ich entdeckten in einem der Souvenirshops neben einer Menge Datteln eine 3D-Karte von Afrika. Der Süden Algeriens ist spitzer als der Rest des Landes.
Der Begriff „Kulturkreis“ sei Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt worden und heute überholt, erklärt Bettina. Er impliziere eine Abgeschlossenheit von Kulturen, die so nicht existiere. Die Leichtigkeit, mit der ich über die Reise Informationen aufnehmen konnte, fehlt mir im Nachhinein. Am Gate vertreibe ich mir die Zeit damit, bei meinen Mitreisenden Stoff für diesen Blogeintrag zu sammeln. Ergebnis: auf Komfort wird sich kollektiv gefreut, das soziale Umfeld wird potentiell vermisst werden. Christina freut sich auf ihren Sohn. Meine Erfahrung zeigt, dass die Hamams in den Camps schnell Alltag waren. Äußere Umstände, mit denen ich mich nach einiger Zeit arrangieren konnte. Die Verfügbarkeit von Wasser hebt sich auf ein neues Level der Wertschätzung.
Aber materielle Lebensbedingungen sind nicht das Problem in den sahrauischen Camps bei Tindouf. Ich glaube, es ist die Sehnsucht nach Selbstbestimmung, die die meisten nur noch aus Erzählungen kennen.
Aus dem Flieger wirkt Algier trockener und langsamer. Kurz darauf ist nur noch Meer zu sehen. Die zweieinhalb Stunden Flug von Algier nach Frankfurt erscheinen mir surreal, wenn ich daran denke, was für ein kontextueller Quantensprung es für mich war.
© B. Gräf
Kultur und Gesellschaft der Sahrauis
Politischer Kampf um Entkolonisierung und für die Unabhängigkeit
Exil und Nationalismus
Die von Marokko besetzte Westsahara
| Begriffe | Erläuterung |
|---|---|
| AFAPREDESA | Span.: Asociación de Familiares de Presos y Desaparecidos Saharauis Arab.: جمعية أولياء المعتقلين والمفقودين الصحراويين (Verein von Familien sahrauischer Gefangener und Verschwundener) Sahrauische Menschenrechtsorganisation, die sich für Familien mit verschwundenen Angehörigen sowie mit Familienmitgliedern in marokkanischen Gefängnissen einsetzt, gegründet 1989 in den Flüchtlingslagern der Sahrauis in der Nähe von Tindouf im Südwesten Algeriens. Quellen: Website Spanisch Website Arabisch Rote Hilfe Zeitung, 4/24, Schwerpunkt Westsahara "Interview mit Abdeslam Omar Lahsen, dem Präsidenten von AFAPREDESA", in: Rote Hilfe Zeitung, 4/24, S. 18-20. |
| Algerienkrieg 1954-1962 | Arab.: ثورة التحرير الجزائرية (Die Algerische Befreiungsrevolution) Der Krieg für die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich dauerte acht Jahre von 1954 bis 1962. Die Küstenstädte Annaba, Algier und Oran waren im Jahr 1830 von französischen Truppen besetzt worden. Algerien wurde nach und nach von Frankreich kolonisiert und somit zur ersten französischen Kolonie in der Region. Seither war das Land eng mit der Politik in Frankreich verbunden, was man u.a. an Umsiedlungsprogrammen nach 1848 und 1871 ablesen kann. 1875 annektierte Frankreich das Territorium und betrachtete es von da an als Teil des eigenen Mutterlandes. Der als besonders brutal und blutig beschriebene Unabhängigkeitskampf führte schließlich zu Verhandlungen und durch das Abkommen von Évian zum Kriegsende. Am 5. Juli 1962 erklärte Algerien seine Unabhängigkeit. Quellen: Assia Djebar: Femmes d’Alger dans leurs appartement, 1980 (Die Frauen von Algier) (Roman); Samia Henni: Architecture of Counterrevolution: The French Army in Northern Algeria (2017, 2022), dies.: Architecture de la contre-révolution : L'armée francaise dans le nord de l'Algérie (2019); Anne Weber: Annette. Ein Heldinnenepos (2020) (Roman); Samia Henni: Colonial Toxicity: Rehearsing French Radioactive Architecture in the Sahara (2024); Adam Shatz: The Rebel's Clinic: The Revolutionary Lives of Frantz Fanon (2024). |
| as-salāmu ʿalaykum“ السلام عليكم | Eine arabische Grußformel und Friedensbekundung, wörtlich heißt es „Friede über euch!“ oder „Friede sei mit euch!“ Mit dieser Grußformel drückt man den Wunsch aus, dass den Angesprochenen nichts Negatives oder Schädliches treffen möge. Die Redewendung besteht aus vier Wörtern: ال – سلام – على – كم ال: Der Artikel al (da das folgende sīn س ein Sonnenbuschstabe ist, wird das al hier as ausgesprochen) سلام: salām (die Wurzelradikale sind س ل م) Die Grundbedeutung ist „Unversehrtheit, Wohlergehen; Heil; Friede; Sicherheit“. علع: ʿalā Präpostion: auf, über كم: -kum Personalsuffix, 2. Pers. Plural: euch Quelle: Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Arabisch-Deutsch, 1985, 5. Aufl., S. 592 |
| Baden | Algier verfügt über eine Reihe öffentlicher Strände, die für alle BewohnerInnen wie auch BesucherInnen der Stadt frei zugänglich sind. Die für das Baden geeigneten Abschnitte liegen oft direkt am Stadtzentrum und sind zu Fuß zu erreichen. Während einige Strände vor allem als Freizeit- und Erholungsorte dienen, sind an anderen Orten wiederum Ansammlungen kleinerer Boote anzutreffen, die für Ausflüge auf das offene Meer oder zum Fischen genutzt werden. Sahrauische Kinder in den Flüchtlingslagern bei Tindouf erleben das Meer häufig erstmals in ihrem Leben, wenn sie die Sommerferien bei spanischen Gastfamilien verbringen. Quellen: Google maps Algier, Kettani Strand o.A.: „Ferienprogramm für sahrauische Kinder“, in: Wochenblatt. Die Zeitung der Kanarischen Inseln, 11.9.2022 |
| The Battle of Algiers (1966) | Arabisch: معركة الجزائر, Maʿrakat al-Jazāʾir Deutsch: Die Schlacht von Algier Französisch: La Bataille d‘Alger Italienisch: La battaglia di Algeri Italienisch-algerischer historischer Kriegsfilm, geschrieben und inszeniert von Gillo Pontecorvo, mit Jean Martin und Saadi Yacef in den Hauptrollen. Er basiert auf den Ereignissen während des algerischen Befreiungskrieges gegen die französische Kolonisierung (1954-1962); das herausragendste Ereignis im Film ist die titelgebende Schlacht in der Hauptstadt Algeriens. Der Film wurde an Originalschauplätzen in der Kasbah gedreht, die Filmmusik wurde von Ennio Morricone komponiert. Insgesamt inspiriert von Roberto Rossellinis Wochenschau-Stil: in Schwarz-Weiß und mit dokumentarischen Schnitten, um das Gefühl der historischen Authentizität zu verstärken, und mit meist nicht professionellen Schauspielern, die die Schlacht tatsächlich erlebt hatten. Der Film wird oft mit dem italienischen neorealistischen Kino in Verbindung gebracht. Beim 27. Internationalen Filmfestival von Venedig gewann er den Goldenen Löwen. Man kann den Film im Original (Französisch & Arabisch) online, in relativ guter Qualität anschauen. Quelle: Gillo Pontecorvo, THE BATTLE OF ALGIERS (Film), in: Internet Archive |
| Cathédrale du Sacré-Cœur d'Alger | Die 1956 fertiggestellte römisch-katholische Kathedrale fällt ins Auge. Der zentrale Turm des Sakralbaus im Stil des Brutalismus erinnert ohne jeden Zweifel an den Kühlturm eines Kernkraftwerks und passt im ersten Moment eher in einen Science-Fiction-Film. Entworfen wurde der Bau von den Architekten Paul Herbé und Jean Le Coteur. Sacré-Cœur d‘Alger wurde zur neuen Kathedrale der Hauptstadt, nachdem die Kathedrale St. Phillipps von Algier wieder in die Ketchaoua-Moschee umgewandelt worden war. Quellen: Dionigi Albera: “Religious Antagonism and Shared Sactuaries in Algeria”, in: Elazar Barkan und Karen Barkey (eds.): Choreographies of Shared Sacred Sites: Religion, Politics, and Conflict Resolution, New York: Columbia University Press, 2015, 97-129 (hauptsächlich über die Basilika Our Lady of Africa) o.A. “Cathédrale du Sacré-Cœur d’Alger, Algiers, Algeria“, in: Third World Architecture (BLOG) o.A. “Paul Herbé / Jean Le Couteur: Cathédrale du Sacré-Cœur d'Alger, 1955D–1963”, in: #SOS Brutalism (BLOG) o.A., Cathédrale du Sacré-Cœur d‘Alger, in: Wikipedia |
| Duro | Die Sahrauis in den Flüchtlingslagern bei Tindouf haben nicht nur eine eigene Flagge (die Fahne der Polisario), sondern auch eine eigene Währung. Zwar benutzen sie algerische Geldscheine und Münzen, also Dinar und Centimes, aber sie rechnen mit anderen Zahlen: alles wird mal 20 gerechnet. Das Errechnete wird Duro genannt, 50 Dinar für eine Wasserflasche während unseres Aufenthalts im September 2024 entsprechen demnach 1.000 Duro. Die Bezeichnung duro wurde in Spanien bis zur Euro-Einführung umgangssprachlich für die 5-Peseten-Münze benutzt. Duro, Spanisch für hart, ist eine Abkürzung für Silber-Peso oder Peso duro. Hört man die Sahrauis sprechen, könnte man die Währung glatt mißverstehen als Doro in Anlehnung an den von Marokko besetzen Teil der Westsahara Rio de Oro (Deutsch Goldfluss oder Arabisch Wādī aḏ-Ḏahab). |
| Fossil | Krokodile, Elefanten, Nashörner. Felsbilder aus der Jungsteinzeit (Neolithikum, circa 14.000 bis 4.000 v.u.Z.) deuten darauf hin, dass es in der Sahara fließendes Wasser sowie kleine und große Seen gegeben haben muss, dass die Region einst grün war. Daraus leitete Reimar Gilsenbach schon in den frühen 1960er Jahren die Frage ab, ob die Wüste jünger ist als der Mensch, mithin menschengemachte Veränderungen zur Ausbreitung der Wüste beigetragen haben. Wie dem auch sei, der Fund von Muscheln und anderen Fossilien bestätigt, was die Felszeichnungen nahelegen. Quellen: Reimar Gilsenbach: Herren der Wüste, Leipzig, Jena, Berlin: Urania-Verlag, 1963, 7-12. Arndt Reuning, „Die Wüste lebte“ (Radiosendung), Deutschlandfunk, 11.9.2006 |
| Hagunía | Insgesamt bauten Sahrauis seit 1975 fünf Lager sowie das Verwaltungszentrum Rabuni in der Wüste bei Tindouf im Westen Algeriens. Unsere Gastfamilien wohnen im Lager El Aaiún/ Laayoune, das in sechs Bezirke unterteilt ist. Hagunía (الحڭونية) ist einer davon, benannt nach einem Ort circa 100 km nordöstlich der Stadt El Aaiún im von Marokko besetzten Teil der Westsahara. Auf Google Maps (Satellitenansicht) kann man das Netz der Straßen und die Bebauung von Hagunía gut zu sehen. Quelle: Google maps Lager El Aaiún/ Laayoune, Bezirk Haqunía |
| Ḥassāniyya | Al-Ḥassāniyya (الحسّانية) ist der arabische Dialekt, der in der Westsahara, in Mauretanien, im Süden Marokkos, im Südwesten Algeriens, im Norden Malis sowie in einigen Regionen im Senegal und in Niger gesprochen wird. Er ist eine der Grundlagen für die Wahrnehmung der arabisierten Westsahara als ein zusammenhängendes historisch-kulturelles Gebiet. Abgeleitet ist der Name vom Stamm Banū Ḥassān, der circa im 14. Jahrhundert von Ägypten aus in den Nordwesten Afrikas einwanderte. Zweihundert Jahre zuvor waren mehrere Stammesverbünde von den ägyptischen Fatimiden ermutigt worden von der Arabischen Halbinsel nach Norden zu ziehen, darunter der Verband der Maʿqīl, zu denen Banū Ḥassān gehörte, die ursprünglich aus der Gegend des heutigen Jemen kamen. Ḥassāniyya trägt einen hohen Anteil Amazigh und darüber hinaus, seit der Kolonialzeit, zahlreiche spanische und französische Lehnwörter. Der Dialekt unterscheidet sich vom maghribinischen Arabisch sowohl Marokkos als auch Algeriens. Quelle: غالي الزبير: نظارات في اللهجة الحسانية، ٢٠١٣ Ghali Zbeir: Naẓarāt fī l-lahǧa al-ḥassāniyya (Betrachtungen über den Dialekt Hassaniyya), Édition Harmattan RASD, 2013, S. 25 |
| Jardin d’Essai du Hamma | Arab.: حديقة التجارب العلمية الحامة (Der Garten wissenschaftlicher Erprobungen in Hamma) Üppiger Botanischer Garten mit riesigen seltenen Bäumen, verschiedenen Tieren, einem Amphitheater, Brunnenanlagen und Wasserspielen in Algier, gelegen unterhalb des Märtyrerdenkmals. Nachts ist er geschlossen. Der Eintritt kostete 150 Dinar, was nach offiziellem Kurs im September 2024 umgerechnet circa 1 Euro entspricht, nach inoffiziellem Kurs circa 60 Cent. Auf Arabisch heißt er ḥadīqat at-taǧārib al-ʿilmiyya al-ḥāmma, der Garten wissenschaftlicher Erprobungen in Hamma. Der „koloniale Garten“ wurde 1832 gegründet, unmittelbar nach der Ankunft der Franzosen in Algier. Quelle: Ghanem Laribi/Sofiane Hadjadj: „Le Jardin d’essai du Hamma: histoire d’un jardin colonial“, in Abderrahmane Bouchène et al. (eds.): Histoire de l‘Algérie à la période coloniale: 1830-1962 (2012, 120-123). |
| Kasbah | Im maghrebinischen Arabisch ist es die Bezeichnung für befestigte Altstadtviertel mit Zitadelle. Sowohl die Altstadt von Algier wird so bezeichnet als auch die Zitadelle, zu der die Altstadt hinaufführt. Auf Arabisch قصبة, qaṣba, ist die deutsche und französische Schreibweise Kasbah oder Casbah, die spanische Casba. Die britische Punkband The Clash brachte 1982 mit „Rock the Casbah“ eines ihrer erfolgreichsten Lieder heraus. Der herausragende algerische Sänger Rashid Taha coverte den politischen Song im Jahr 2004. Quellen: Robin Denselow: “Nuclear Fusion”, in The Guardian, 28.5.2001 o.A.: „Tribute to Rashid Taha. Rock the Casbah”, in: Deutschlandfunk Kultur, 18.10.2021 Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Arabisch-Deutsch, 1985, 5. Aufl., S. 1029 |
| Ketchaoua Moschee | om Meer aus sichtbare Moschee am unteren Teil der Kasbah, die 1612 von den Osmanen erbaut und 1832 von den Franzosen in die St. Phillipps Kathedrale umbenannt, später zerstört und als Kirche neu aufgebaut sowie katholisch geweiht wurde. Die Osmanen benannten die Moschee nach dem Markt, der auf dem benachbarten Platz stattfand. Der Name Ketchaoua (Keçiova) stammt aus dem Türkischen bzw. Osmanischen und bedeutet soviel wie Ziegenmarkt. In der gesamten Zeit bis zur Unabhängigkeit Algeriens 1962 wurde der Bau von Frankreich als Kathedrale genutzt, seit 1837 mit Kreuz auf der Spitze. Nach der Unabhängigkeit entschieden die Algerier, das Gebäude erneut zu einer Moschee umzubauen. Die Restaurierungsarbeiten begannen 1982 und dauerten bis ins Jahr 2018. Die hohen Kosten übernahmen die Türkei und die UNESCO, wobei die Moschee 2024 bei unserem Besuch wieder wegen Bauarbeiten geschlossen war. Quellen: Dionigi Albera: “Religious Antagonism and Shared Sactuaries in Algeria”, in: Elazar Barkan und Karen Barkey (eds.): Choreographies of Shared Sacred Sites: Religion, Politics, and Conflict Resolution, New York: Columbia University Press, 2015, 97-129 (hauptsächlich über die Basilika Our Lady of Africa); o.A., جامع كتشاوة (Ǧāmiʿ Kitšāwa), in: Wikipedia o.A., Keçiova Camii, in: Wikipedia o.A., Ketschawa-Moschee, in: Wikipedia |
| Der Konflikt um die Westsahara | Das Gebiet der Westsahara war offiziell seit 1884/85, der Berliner Konferenz, auf der die europäischen Mächte große Teile von Afrika unter sich aufteilten, eine spanische Kolonie. Die anderen Regionen rings herum, also das heutige Mauretanien, Mali, Algerien, Marokko und weitere Gebiete, wurden zur gleichen Zeit von Frankreich besetzt und kolonisiert. Im Zuge der Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich 1956 und des algerischen Unabhängigkeitskampfes von 1954 bis 1962 stellte sich die Frage der Entkolonisierung auch für Spanien und die Westsahara, wobei Sahrauis sich bereits davor gegen sowohl die spanische als auch gegen die französische Kolonialherrschaft gewehrt hatten. Da spanische Wissenschaftler jedoch in den 1940er Jahren Phosphor auf dem Gebiet der Westsahara gefunden hatten, das hohe Gewinne auf dem Weltmarkt versprach, verzögerte sich der Prozess der Dekolonisierung. Nach dem Tod des spanischen Diktators Franco 1975 entstand eine unübersichtliche Situation, in der sich Spanien schließlich aus der Westsahara zurückzog und die Sahrauis aber dann nicht frei und selbstbestimmt über ihr Schicksal entscheiden konnten, wie laut UN-Beschlüssen bei Entkolonisierungsprozessen vorgesehen, sondern Marokko und Mauretanien die Westsahara unter sich aufteilten und besetzten. Viele der ansässigen Sahrauis flohen vor Gewalt und Repressionen aus ihrer Heimat und wurden von marokkanischen Luftstreitkräften während der Flucht bombardiert. Algerien nahm die Flüchtlinge auf (auch Gadafis Libyen hatte dies angeboten) und so bauten Sahrauis nach und nach die Flüchtlingslager bei Tindouf auf, die bis heute existieren. Nach 16 Jahren Krieg, wurde im Jahr 1991 ein Waffenstillstand zwischen Marokko und der Polisario vereinbart, wobei man sich auf ein Referendum einigte, das von der UN-Mission MINURSU (United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara) organisiert werden sollte. Bis heute hat das Referendum, d.h. die Abstimmung der Sahrauis über ihr politisches Schicksal, nicht stattgefunden. Quellen: Judit Tavakoli: Zwischen Zelten und Häusern - Die Bedeutung materieller Ressourcen für den Wandel von Identitätskonzepten saharauischer Flüchtlinge in Algerien. Berlin: regiospectra, 2015, S. 19-21; Michael Baers: A History of the Western Sahara Conflict. The Paper Desert, 2022, S. 103-108. |
| Kongokonferenz, auch Berliner Konferenz 1884/85 | Der belgische König Leopold II. überzeugte Frankreich, England sowie den deutschen Kanzler Otto von Bismarck eine internationale Konferenz in Berlin einzuberufen, um zu klären, wie man den afrikanischen Kontinent im Interesse europäischer Mächte aufteilen könne. Zu diesem Zeitpunkt waren 80% der Landfläche Afrikas unter lokaler Kontrolle. Die Konferenz dauerte 105 Tage vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885. An deren Ende war Afrika in 50 mundgerechte Stücke aufgeteilt worden. Laut Kongoakte gehörten dem Deutschen Reich nach der Konferenz zusätzlich zu Inseln in der Südsee riesige Gebiete in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda), Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) sowie Kamerun und Togo. Privatleute gründeten lukrative Firmen, die Plantagenwirtschaft betrieben, unter anderem für Baumwolle. Menschen vor Ort wurden gnadenlos zur Arbeit gezwungen, angekettet, gefoltert. Spanien war 1884/85 das Gebiet der Westsahara zuteilgeworden. Die Vorteile für die Spanier auf lange Sicht, die sich erst 1975 nach dem Tod Francos aus der Westsahara zurückzogen, waren ein riesiges fischreiches Küstengebiet und hohe Phosphatvorkommen. Quellen: Michael Baers: A History of the Western Sahara Conflict. The Paper Desert, 2022, S. 103-108; Bettina Gräf und Julia Tieke: 111 Orte in Berlin, die vom Islam erzählen, 2023, S. 12 u. 224. |
| Kulturkreis | Laut dem Dem Deutschen Wortschatz von 1600 bis heute (DWDS) ist ein Kulturkreis ein Gebiet, in dem bestimmte Wohnformen, Waffen, Geräte sowie religiöse und soziale Ordnungen charakteristisch sind. Ursprünglich bezeichnete das Wort Kulturkreis eine großflächige Region, deren Bewohner eine gleiche oder ähnliche Kultur zugeschrieben wurde. Der Begriff geht auf die umstrittene Kulturkreistheorie von Leo Frobenius Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Heute wird er in der deutschen Ethnologie kaum noch verwendet, da er als wissenschaftlich ungenau und ideologisch angesehen wird. Alternativen wie "Kulturraum" oder "Kulturareal" werden je nach Fachgebiet genutzt, um regionale kulturelle Besonderheiten zu beschreiben, jedoch unter stärkerer kritischer Betrachtung räumlicher und ethnographischer Überschneidungen. Obwohl der Begriff "Kulturkreis" in der historischen und fachlichen Bedeutung Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen beschrieb, wird der Begriff seit dem Ersten Weltkrieg häufig verwendet, um Differenzen zu betonen und tiefgehende Verflechtungen zu negieren. Verbreitete Beispiele hierfür wären das "christliche Abendland" und der "islamische Orient". Quellen: o.A.: "Kulturkreis", in DWDS o.A.: "Kulturkreis", in Wikipedia |
| Lager El Aaiún/ Laayoune | Die sahrauischen Flüchtlingslager bei Tindouf im Westen Algeriens wurden von Sahrauis nach der Flucht aus ihrer Heimat seit 1975 aufgebaut. Heute gibt es fünf Lager: Laayoune, Ausserd, Smara, Boujdour und Dakhla. Sie sind jeweils circa 20 km voneinander entfernt, außer Dakhla, das circa 165 km südlich des Lagers Boujdour liegt. Hinzu kommt noch das Verwaltungszentrum Rabuni, wo u.a. die Mitarbeiterinnen internationaler Hilfsorganisationen wohnen. Das älteste und größte Lager ist El Aaiún/ Laayoune, benannt nach der größten Stadt der besetzten Westsahara, die einmal die Hauptstadt der DARS werden soll. Auf Arabisch bedeutet der Name „die Augen“ oder „die Quellen“ oder „das Beste“. Im Jahr 1938 auf spanischem Kolonialgebiet gegründet, vergrößerte sich die Stadt in den 1970er Jahren rasch durch den wirtschaftlich einträglichen Phosphatabbau bei Bou Craa. Seit 1975/76 befindet sich Laayoune unter marokkanischer Kontrolle. Alle Lager tragen die Namen der Städte aus denen die Sahrauis flüchteten als Erinnerung an ihre Heimat und mehr noch, als stete Erinnerung daran, wohin man gehört und zurückkehren wird. Auf Google Maps (Satellitenansicht) kann man die Umrisse des Lagers gut zu sehen. Quellen: Michael Baers: A History of the Western Sahara Conflict. The Paper Desert, 2022, S. 141ff.; Google maps Lager El Aaiún Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Arabisch-Deutsch, 1985, 5. Aufl., S. 903 |
| al-Liṯām | Im arabischen Dialekt Ḥassāniyya, den die Sahrauis sprechen, ist al-liṯām die Bezeichnung für circa zwei Meter lange Stoffbahnen in verschiedenen Farben, oft blau oder schwarz, die für die männliche Kopfbedeckung (ʿalāma) benutzt werden. Er wird als Schutz vor Sonne und Sand über den Kopf gelegt und so gewickelt, dass er auch schleierartig den unteren Teil des Gesichts bedecken kann (daher nannte man die Bewohner der Westsahara in arabischen Quellen auch Ṣanhāǧa mulaṯṯimūn – die „verschleierten Ṣanhāǧa“, im Unterschied zu den unverschleierten Imazighen im nördlich angrenzenden Maghreb. Der liṯām ist auch bei anderen Saharavölkern verbreitet und entspricht dem tagelmust der Tuareg. Quellen: Dr. Wolf-Dieter Seiwert und Mohamed Badati (mit bestem Dank!) Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart. Arabisch-Deutsch, 1985, 5. Aufl., S. 1142 |
| MC Alger | Der in Rot und Grün auftretende MC Alger (Mouloudia Club d´Alger) gehört mit acht Meistertiteln zu den erfolgreichsten Fußballvereinen Algeriens. Auch die Teilnahme an zahlreichen internationalen Turnieren fügen sich in das erfolgreiche Palmarès des Vereins ein. Die Heimspiele des 1921 gegründeten Clubs finden im „Stade de 5 Juillet 1962“ (Arab.: ملعب 5 جويلية) statt, welches circa 75.000 Plätze fasst und nach dem Tag der Unabhängigkeit Algeriens benannt ist. Spiele zwischen MC Alger und dem Stadtrivalen USM Algiers stellen die am meisten ausgetragene Paarung im algerischen Fußball dar. MC Alger hat auch andere Rivalen, neben MC Oran aus dem Westen des Landes, ES Sétif, ein renommierter Verein aus dem Nordosten Algeriens. Quellen: MC Alger, offizielle Website o.A., MC Alger, in: Wikipedia |
| Polisario | Frente Polisario (Spanisch: Frente Popular para la Liberacion de Saguia el-Hamra y Rio de Oro) heißt die 1973 gegründete Volksbefreiungsfront der Sahrauis, die für die Unabhängigkeit kämpft. 1975 wurde sie von der UNO als rechtmäßige Vertretung der Sahrauis anerkannt. Algerien unterstützt die Polisario. Marokko hingegen kriminalisiert die Unabhängigkeitsbewegung, beansprucht das Gebiet der Westsahara für sich, hält einen Großteil der Region besetzt und begründet dies mit historischen Ansprüchen. Im Jahr 1976 rief die Polisario die Gründung des Staates Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus. Quelle: Judit Tavakoli: Zwischen Zelten und Häusern - Die Bedeutung materieller Ressourcen für den Wandel von Identitätskonzepten saharauischer Flüchtlinge in Algerien. Berlin: regiospectra, 2015, S. 19-21. |
| Sahrauis | Sahrauis sind eine Volksgruppe aus Nordwestafrika, die heute in der Westsahara, in Mauretanien, im Süden Marokkos und im Südwesten Algeriens sowie auf den Kanaren leben. Ihre Vorfahren stammen aus einer Gruppe arabischer Stämme, den Bani Hassan (den Söhnen Hassans), aus dem Süden der Arabischen Halbinsel, die circa im 14. Jahrhundert nach Nordwestafrika eingewandert sind. Sie sprechen Ḥassāniyya, einen arabischen Dialekt mit vielen Lehnwörtern aus Amazigh, Spanisch und Französisch. Die meisten von ihnen waren Händler und Viehzüchter, die in weiten Bögen als Halbnomaden durch die Westsahara zogen, ohne sich um nationalstaatliche Grenzen zu kümmern. Nach dem endgültigen Rückzug der Spanier aus der Sahara 1975, besetzten Marokko und Mauretanien das Gebiet der Sahrauis. Bis heute kämpfen sie für ihre Unabhängigkeit und für ihr von der UNO anerkanntes Recht auf Selbstbestimmung. Quellen: Stephen Zunes/ Jacob Mundy, Western Sahara. War, Nationalism, and Conflict Irresolution, New York: Syracuse University Press, 2010, Kap.4 und Susan G. Miller, A History of Modern Morocco, New York: Cambridge University Press, 2013, Kap. 6. |
| Scheidungsfest | Auf Hassaniyya wird das Scheidungsfest اتعركيبة (Et3ergiba) genannt. In der Vergangenheit wurde die Frau in der sahrauischen Gesellschaft nach der Scheidung gefeiert. Bei dieser Gelegenheit wurde sie geschminkt und ihr wurden Geschenke gebracht, man sang und tanzte. Danach war die Frau bereit eine neue Ehe einzugehen, wenn sie es wollte und ihre Familie zustimmte. Von einem Tabu auf die Scheidung bezogen wird auch im heutigen Zusammenhang nicht gesprochen. Im Gegenteil, wir haben es selbst in unseren Gastfamilien erlebt, dass, falls die Ehe nicht glücklich verläuft, man sich lieber scheiden lässt als zusammenzubleiben. |
| U-Bahn-System Algier | Schon 1981 entschied sich die algerische Regierung für den Bau einer U-Bahn, um den anhaltenden Verkehrsproblemen in der schnell wachsenden Millionenstadt (aktuell 2,9 Mio.) Herr zu werden. Nach einigen Verzögerungen wurde das Projekt dann 2006 an ein Konsortium von Siemens, CAF und Vinci S.A. übergeben. 2011 wurde der Betrieb offiziell aufgenommen, die Linie erstreckt sich über 19 Kilometer mit 19 Haltestellen und transportiert täglich um die 200.000 – 300.000 Personen. Der weitere Ausbau des Netzes ist sowohl bereits im Bau als auch in Planung. Voraussichtlich 2026 soll die Erweiterung zum Flughafen eröffnet werden. |
| USM Alger | Union Sportive de la Médina d’Alger, kurz USM Algier, ist ein algerischer Fußballverein aus Algier. Der 1937 gegründete Verein hat in seiner Geschichte acht nationale Meistertitel gewonnen und bei 17 Finalteilnahmen acht Mal den algerischen Pokal geholt. 1997 und 2003 stand der in Schwarz und Rot spielende Verein zudem jeweils im Halbfinale der CAF-der afrikanischen Champions League. Der Spielort von USM Algier, das Omar-Hammadi-Stadion, bietet 17.000 Zuschauern Platz. Spiele zwischen USM Algiers und dem Stadtrivalen MC Alger gilt als großes Derby in Algier. Es ist auch die am meisten ausgetragene Paarung im algerischen Fußball. Die Anhänger des Vereins (Les Usmistes) verleihen ihrer Unterstützung durch beeindruckende Graffiti Ausdruck, die oftmals direkt neben Graffiti des etwas älteren MC Alger zu finden sind. So entsteht nach und nach großformatige Graffiti-Kunst in der gesamten Altstadt, angeregt durch die Konkurrenz beider Vereine. Dass seit 1997 auch Frauenfußball ein Thema in Algerien ist, mit nationalen Ikonen wie Nadia Belala, lässt sich an den Graffitis in Algier allerdings bisher nicht ablesen. Quellen: USM Alger, offizielle Website o.A. „Belala: Ich hatte keine Vorstellung, was mich erwartet“, in: Inside FIFA, 22.9.2020 o.A., USM Algier, in: Wikipedia |