ARCHES Projekt

Judäo-arabische Bibelexegese und Bibelübersetzungen in den Handschriftensammlungen Firkowitsch

Wissenschaftliche Leitung:
Miriam Goldstein (HUJI) und Ronny Vollandt (LMU)
Gefördert durch:
BMBF (ARCHES AWARD)
Laufzeit:
2019–2024

Das von Miriam Goldstein (Hebräische Universität Jerusalem) und Ronny Vollandt (Ludwig-Maximilians-Universität München) gemeinsam geleitete Projekt erschließt einen bedeutenden Teil des reichen arabischen und judäo-arabischen Handschriftenerbes der Sammlung Firkowitsch. Diese wird in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg aufbewahrt und ist an der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem auf Mikrofilm und in digitaler Form zugänglich.

Das Projekt verfolgt zwei Hauptziele: Zum einen setzt es die Identifizierung und Katalogisierung von Handschriften zur Bibelexegese und Bibelübersetzung in der Bestandsgruppe RNL Yevr.-Arab. I der Sammlung Firkowitsch fort. Zum anderen macht es die erfassten Metadaten für die weitere Forschung zugänglich, damit die Ergebnisse auch in verwandte Forschungsfelder wie die Judaistik, die Islamwissenschaft und Arabistik sowie die Erforschung des östlichen Christentums einfließen können. Die Bestandsgruppe umfasst rund 2.700 Handschriften mit Bibelkommentaren und Bibelübersetzungen, von denen bereits 889 katalogisiert sind. Aufbauend auf den vorhandenen Hilfsmitteln und bisherigen Identifizierungen wird das Projekt die verbleibenden 1.811 Handschriften katalogisieren.

Die Firkowitsch-Sammlungen umfassen insgesamt rund 18.000 Bestandseinheiten, die der karäische Gemeindevorsteher und Forschungsreisende Abraham Firkowitsch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammentrug. Eine einzelne Einheit kann dabei Hunderte von Blättern enthalten. Die Handschriften eröffnen außergewöhnliche Einblicke in das intellektuelle und religiöse Leben der mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern während ihres „Goldenen Zeitalters“ zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert.

In diesen Jahrhunderten erlebten Gelehrsamkeit und literarisches Schaffen in arabischer Sprache unter Juden, Christen und Muslimen eine Blütezeit. Wesentliche Impulse gingen zunächst von Übersetzungen aus dem Griechischen, Syrischen und Mittelpersischen (Pahlavi) aus. Gelehrte der verschiedenen Religionsgemeinschaften griffen neue literarische Gattungen auf; ihr persönlicher und schriftlicher Austausch führte innerhalb der jeweiligen religiösen Traditionen zu weitreichenden Veränderungen und Neuerungen. In diesem von kultureller und religiöser Vielfalt geprägten Umfeld vollzog sich mit der Entfaltung der judäo-arabischen Literatur ein tiefgreifender Wandel der jüdischen Gelehrsamkeit. Dieser prägt die jüdische Tradition bis heute – auch nachdem das Judäo-Arabische vom Hebräischen abgelöst worden war und sich die Zentren jüdischer Gelehrsamkeit vom Nahen Osten nach Europa verlagert hatten.

In früheren Projekten wurden bereits arabische Bestände der Sammlung Firkowitsch katalogisiert. Mehr als zwei Drittel ihrer Bestände sind jedoch weiterhin weder katalogisiert noch identifiziert. Damit unterscheidet sich ihr Erschließungsstand deutlich von dem der Kairoer Geniza-Sammlungen. Der besondere Wert der Sammlung liegt auch darin, dass viele ihrer Handschriften Texte überliefern, die aus keiner anderen Quelle bekannt sind. Darüber hinaus enthalten die Bestände eine beträchtliche Zahl von Werken muslimischer Autoren, von denen einige ebenfalls nur hier überliefert sind. Zusammen mit den jüdischen Werken bilden diese Handschriften eine zentrale Quellengrundlage, um die Wechselwirkungen zwischen jüdischem und muslimischem Denken, die weitreichenden Neuerungen in Judentum und Islam sowie die kulturelle Dynamik des mittelalterlichen Nahen Ostens insgesamt genauer zu verstehen.

Gefördert wird das Projekt durch den ARCHES-Preis, einen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten und von Minerva betreuten Forschungspreis für deutsch-israelische Kooperationen. ARCHES würdigt herausragende Forschungsleistungen und stärkt die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel.

Beteiligte

Ronny Vollandt
Prof. Dr. Ronny Vollandt

Professor für Judaistik, Studiendekan für Ethnologien und Naher Osten