Eigenständigkeit und Vielfalt

Unbekannte karäische Bibelkommentare in judäo-arabischer Sprache aus der frühklassischen Epoche

Wissenschaftliche Leitung:
Miriam Goldstein (HUJI) und Ronny Vollandt (LMU)
Gefördert durch:
DFG
Laufzeit:
2019–2022

Das gemeinsame Forschungsprojekt der Hebräischen Universität Jerusalem und der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht die Ursprünge und die Entwicklung der karäischen Exegese seit ihren Anfängen im 10. Jahrhundert. Im Mittelpunkt stehen die Vielfalt exegetischer Ansätze, die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Zentren in Jerusalem und im Irak sowie die unterschiedlichen Deutungen von Schöpfung, Geschichte, Offenbarung und Gesetz. Die bisherige Forschung zur frühen karäischen Exegese hat sich nahezu ausschließlich auf die Kommentare der Jerusalemer Schule der „Trauernden um Zion“ konzentriert, insbesondere auf die Werke von Yefet ben ʿEli und Salmon ben Yeruḥim. Die Kommentare irakischer Karäer fanden hingegen bislang nur wenig Beachtung. Auch die Vielfalt exegetischer Fragestellungen, Methoden und Darstellungsformen unter den Karäern dieser Zeit ist noch kaum untersucht.

Ein zentrales Ziel des Projekts ist die Edition und Übersetzung von Yaʿqūb al-Qirqisānīs Kommentaren zu den Büchern Genesis und Exodus aus seinem Kitāb al-Riyāḍ wa-l-Ḥadāʾiq. Für eine vergleichende Gegenüberstellung bildet der Pentateuchkommentar des Jerusalemer Karäers Sahl ben Maṣliaḥ den zweiten textlichen Schwerpunkt des Projekts. Auch aus diesem Werk werden die Kommentare zu Genesis und Exodus ediert und übersetzt. Sahl ben Maṣliaḥ zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Jerusalemer Schule; sein Kommentar unterscheidet sich jedoch in Inhalt und Stil deutlich von den Werken Yefets und Salmons. Die Edition wird daher unser Verständnis der Exegese der Jerusalemer Schule sowie ihrer inneren Vielfalt und Dynamik erweitern. Zugleich ermöglichen die neuen Editionen und Übersetzungen einen Vergleich zwischen den beiden Schulen im Irak und in Jerusalem und tragen dazu bei, die Entwicklung der karäischen Exegese insgesamt besser zu verstehen.

Das zweite Hauptziel des Projekts ist die vergleichende Analyse dieser Texte. Untersucht wird, welche exegetischen Fragen die beiden Autoren beschäftigen, mit welchen Methoden sie diese bearbeiten und welche Fachterminologie und Begrifflichkeit sie dabei verwenden. Besonderes Augenmerk gilt dem Verständnis des biblischen Textes, das ihrer Auslegung zugrunde liegt: Konzentrieren sie sich auf den einzelnen Vers, oder nehmen sie größere Textzusammenhänge in den Blick? Darüber hinaus werden die Gliederungsprinzipien und der Stil beider Autoren untersucht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie sie mit theologischen Problemen umgehen, die sich aus dem biblischen Text ergeben, und wie sie ihre theologischen Vorstellungen in die Auslegung einbringen. Dieser in der Erforschung der karäischen Exegese bislang nicht in dieser Form unternommene analytische Vergleich erschließt auf der Grundlage der neu edierten Texte eine neue, wesentliche Dimension des Forschungsfeldes. Er ermöglicht ein vertieftes Verständnis der beiden Schulen im Irak und in Jerusalem und vermittelt damit ein umfassenderes Bild der Entwicklung karäischer Exegese.

Beteiligte

Ronny Vollandt
Prof. Dr. Ronny Vollandt

Professor für Judaistik, Studiendekan für Ethnologien und Naher Osten

Friederike_Schmidt_Portrait
Friderike Sophie Schmidt, M.A.

Doktorandin