Jüdische Kalender im Mittelalter
Zeitrechnung, Zugehörigkeit und Polemik
Zeitrechnung, Zugehörigkeit und Polemik
Kalender und Zeitrechnung strukturierten das religiöse und gesellschaftliche Leben im Mittelalter. Das Projekt untersucht die Entstehung und Geschichte karäischer und rabbanitischer Kalender und fragt, wie unterschiedliche Zeitordnungen das Zusammenleben, die soziale Zugehörigkeit und die Identität jüdischer Gemeinschaften prägten. Im Zentrum stehen der Nahe Osten und das Byzantinische Reich vom 9. bis zum 12. Jahrhundert – eine Epoche, in der die karäische Bewegung ihre Blüte erlebte.
Karäer und Rabbaniten bildeten zwei bedeutende religiöse Strömungen des mittelalterlichen Judentums. Die karäische Bewegung formierte sich im Irak des 9. Jahrhunderts in Abgrenzung zum rabbanitischen Judentum und gewann in den folgenden Jahrhunderten erheblichen Einfluss. Die Karäer lehnten die Autorität des Talmuds und der rabbinischen Tradition ab und stellten die eigenständige Auslegung der biblischen Schriften in den Mittelpunkt. Daraus ergaben sich Unterschiede in religiösen Vorstellungen und Praktiken. Besonders umstritten war die Frage, wie der jüdische Kalender zu bestimmen war und wann die Feste gefeiert werden sollten.
Diese Auseinandersetzungen berührten grundlegende Fragen des gemeinschaftlichen Lebens. Das Projekt untersucht deshalb neben den religiösen und ideologischen Gegensätzen auch, wie Menschen ihren Alltag nach unterschiedlichen Kalendern gestalteten und welche Folgen dies für ihr Zusammenleben und ihr Zugehörigkeitsgefühl hatte.
Seit der wissenschaftlichen Erschließung der Kairoer Geniza im späten 19. Jahrhundert haben die Beziehungen zwischen Karäern und Rabbaniten große Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren. Dieser umfangreiche Bestand mittelalterlicher Handschriften auf Hebräisch und Judäo-Arabisch enthält zahlreiche Zeugnisse ihrer Debatten. Dass der Kalender einen zentralen Streitpunkt bildete, ist seit Langem bekannt. Über die Unterschiede zwischen den Kalendersystemen und deren soziale, polemische und ideologische Bedeutung wurden jedoch vielfach Annahmen formuliert, die bislang nicht systematisch überprüft worden sind. Zahlreiche einschlägige Quellen sind noch unediert und kaum bekannt.
Das Projekt erschließt zwei zentrale Quellengruppen:
Dazu zählen eigenständige Kalendertraktate ebenso wie Ausführungen zur Zeitrechnung, die in andere Werke, etwa Bibelkommentare, eingebettet sind.
Sie geben Aufschluss darüber, wie Karäer und Rabbaniten ihre Kalender im Alltag tatsächlich verwendeten.
Ein Schwerpunkt liegt auf den bislang nur unzureichend erforschten Ursprüngen des karäischen und des festen rabbanitischen Kalenders im 8. und 9. Jahrhundert. Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass ihre Entstehung eng miteinander verflochten war. Das Projekt untersucht, wie weit die Kalender tatsächlich voneinander abwichen und welche Bedeutung diese Unterschiede für die beiden religiösen Strömungen hatten.
Weitere Untersuchungen gelten den religionsrechtlichen und ideologischen Grundlagen des Kalenderstreits, seiner Rolle in literarischen Polemiken und seinen Bezügen zu zeitgenössischen Debatten im Islam. Dabei wird auch geprüft, ob unterschiedliche Kalender tatsächlich, wie häufig angenommen, zu sozialen Spaltungen und zur Ausbildung getrennter Gruppenidentitäten im mittelalterlichen jüdischen Alltag führten.
Das Projekt trägt zur Erforschung des Judentums und der jüdischen Gesellschaft im mittelalterlichen Nahen Osten bei. Zugleich greift es übergreifende Fragen nach dem Verhältnis von religiöser Ideologie, Gemeindepolitik, literarischer Polemik und gesellschaftlichem Zusammenhalt auf.
Professor für Judaistik, Studiendekan für Ethnologien und Naher Osten
Doktorand, Ansprechpartner Website (Arabistik/Islamwissenschaft und Judaistik)