Saadya Gaons Werke zum jüdischen Kalender
Quellen aus dem Nahen Osten und ihre Überlieferung nach Westen
Quellen aus dem Nahen Osten und ihre Überlieferung nach Westen
Das von Sacha Stern (UCL, London) und Ronny Vollandt (LMU, München) gemeinsam geleitete Forschungsprojekt erschließt erstmals das vollständige Korpus der Werke Saadiah Gaons zum jüdischen Kalender. Ziel ist es, diese Texte zu rekonstruieren, kritisch zu edieren und in ihren historischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen zu untersuchen.
In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts stand der jüdische Kalender im Zentrum heftiger Auseinandersetzungen zwischen den jüdischen Gemeinden des Nahen Ostens. Umstritten war sowohl, wie der Kalender bestimmt werden sollte, als auch, wem die Befugnis dazu zukam. Als Ordnungsrahmen des religiösen, wirtschaftlichen und gemeinschaftlichen Lebens nahm der Kalender eine zentrale Stellung in der jüdischen Gesellschaft und Kultur des Mittelalters ein. Kalenderkonflikte waren deshalb zugleich Auseinandersetzungen um Legitimität, Autorität und rechtliche Eigenständigkeit. Für Saadiah Gaon, einen herausragenden Gelehrten und eine führende Persönlichkeit des rabbinischen Judentums in Babylonien, waren Kalenderfragen daher von besonderer Bedeutung.
Saadiah ben Joseph al-Fayyūmī (882–942), besser bekannt als Saadiah Gaon, war der bedeutendste und einflussreichste Gelehrte der jüdisch-arabischen Kultur des 10. Jahrhunderts. Als Leiter der damals in Bagdad ansässigen rabbinischen Akademie von Sura, als Polemiker und Universalgelehrter schuf er ein umfangreiches Werk, das die jüdische Literatur und Kultur nachhaltig prägte. Seine Werke behandeln Philosophie, Liturgie, Grammatik, Bibelübersetzung und Exegese, Religionsrecht und zahlreiche weitere Wissensgebiete.
Seine Kalenderwerke und sein Beitrag zur Entwicklung der jüdischen Kalenderliteratur haben bislang jedoch vergleichsweise wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden. Dabei spielte der Kalender in seinen polemischen Schriften zur Verteidigung der mündlichen Überlieferung unbestritten eine zentrale Rolle. Zudem zählt seine Abhandlung über die Grundlagen der rabbanitischen Kalenderberechnung zu den frühesten Werken dieser Gattung: Sie entstand rund zwei Jahrhunderte vor den ersten eigenständigen jüdischen Kalenderabhandlungen, die im Europa des 12. Jahrhunderts verfasst wurden.
Das Projekt rekonstruiert und ediert Saadiahs Kalenderwerke und untersucht sie vor dem Hintergrund der älteren Kalenderliteratur sowie der späteren Verbreitung des rabbanitischen Kalenders im mittelalterlichen Europa. Das Korpus umfasst seine Abhandlung über die Grundlagen des jüdischen Kalenders, seine polemischen Werke zur Verteidigung der rabbanitischen Kalenderberechnung und gegen den auf Beobachtung beruhenden Kalender der Karäer sowie kalenderbezogene Passagen in seinen Bibelkommentaren. Sämtliche Texte werden in kritischen Editionen mit englischen Übersetzungen zugänglich gemacht.
Im Mittelpunkt stehen die Text- und Überlieferungsgeschichte dieser Werke, ihre kalenderkundlichen Inhalte sowie Saadiahs Beitrag zur Entwicklung der Kalendertheorie und ihrer Terminologie. Untersucht wird außerdem, welche Rolle seine Werke bei der Verschärfung oder Beilegung von Kalenderkonflikten zwischen jüdischen Gemeinschaften im Nahen Osten spielten und wie sie zur Verbreitung des rechnerisch bestimmten jüdischen Kalenders nach Westen beitrugen. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Einfluss der Wissenschaften, insbesondere der Astronomie, sowie der biblischen und talmudischen Exegese auf Saadiahs Kalendertheorie.
Das Projekt schafft damit eine umfassende Grundlage für künftige Forschungen zu Saadiah Gaon, zum jüdischen Kalender und zur jüdischen Wissenschafts- und Literaturgeschichte des Mittelalters.
Professor für Judaistik, Studiendekan für Ethnologien und Naher Osten