Forschung
Erstmals rückte mit „Neues Licht aus Pompeji“ das römische Kunstlicht in den Fokus eines innovativen, mehrjährigen Forschungsprojekts.
Erstmals rückte mit „Neues Licht aus Pompeji“ das römische Kunstlicht in den Fokus eines innovativen, mehrjährigen Forschungsprojekts.
Kunstlicht ist eine zentrale Kulturtechnik des Menschen – in der Antike ebenso wie heute.
Als integraler Bestandteil des alltäglichen Lebens konstituiert und gliedert das künstliche Licht zahlreiche Aspekte der römischen Gesellschaft, besonders die römische Festkultur, aber auch Kult, Magie, Erotik, geistige Arbeit und selbst der Schlaf waren auf eine leuchtende Flamme angewiesen. Die Lichtobjekte eröffnen damit einen Schlüssel zur römischen Lebenswelt in ihrer ganzen Vielfalt.
Ausgehend von den bronzenen Beleuchtungsgeräten aus den Vesuvstädten fragt das Forschungsprojekt nach ihrer Lichtwirkung, ihrem Schattenwurf, den Praktiken des Beleuchtens und der Atmosphäre, die antikes Kunstlicht erzeugte.
© Johannes Eber
nächtliche Aktivitäten und knüpften mit ihrem Dekor durch Motive wie Silene, Tänzer, Eroten, Sklavenköpfe oder Schnecken an konkrete Nutzungskontexte wie Gelage, Nacht, Theater, Erotik und Religion an. Gezielt eingesetzte Schatteneffekte machten sie schließlich zu Akteuren römischer Lichtkunst. Religiös konnotierte Lampen, etwa in Lararien, belegen kultische Praktiken. Die Fundkontexte zeigen zudem, dass bronzene Lichtgeräte nicht nur in Oberschichthaushalten, sondern auch in Geschäften verbreitet waren.
© Johannes Eber
Um sich der durch Kunstlicht erzeugten Atmosphäre im Sinne einer Archaeology of the Senses anzunähern, kombinierte „Neues Licht aus Pompeji“ Experimentalarchäologie mit digitalen und immersiven Medien. Aus 3D-Scans und Analysen bronzener Lampen entstanden originalgetreue Nachgüsse, die mit Olivenöl und Pflanzenfaserdocht entzündet werden können. So werden Lichtwirkung, Flammenspiel, Oberflächenbelebung und Schattenwurf erfahrbar. Mit Hilfe anderer Scans und Messdaten wurden in Blender die Licht- und Schattenwirkung weiterer Lampen digital simuliert.
Um die Atmosphäre antiker Lichtgeräte im Raum zu erforschen und anschaulich erfahrbar zu machen, entwickelten wir das „Virtuelle Triklinium“. Die in der Unreal Engine umgesetzte digitale Rekonstruktion des Trikliniums EE der Casa di Giulio Polibio in Pompeji (IX 13,1–3) basiert auf 3D-Scans des Raums und der darin erhaltenen Bronzegeräte. Auch die stark beschädigte antike Wanddekoration wurde digital rekonstruiert. Mit VR-Brille und virtuellem Kienspan lässt sich ein dunkles pompejanisches Triklinium betreten, um dort fünf Lampen zu entzünden. So wird nachvollziehbar, wie sich Licht im Raum ausbreitet und Atmosphäre erzeugt.
Bronzene Lampenständer waren in römischen Häusern wichtige Statusobjekte, besonders bei der Inszenierung von Licht und sozialer Distinktion während der cena. Dennoch wurden sie bislang wenig erforscht. In Katalogen wird meist noch die vorläufige, bereits 1925 von E. Pernice vorgeschlagene Typologie zitiert. Das Projekt „Neues Licht aus Pompeji“ untersuchte und vermaß rund 100 Kandelaber aus Pompeji und Herculaneum neu. Auf Basis der systematischen Erfassung schlagen wir eine neue Typologie mit neun statt bisher vier Typen vor. Durch stilistische und ikonographische Vergleiche können wir eine Entwicklung dieser Gerätegruppe vom frühen 3. Jh. v. Chr. bis 79 n. Chr. nachzeichnen.