ERC Grant für Prof. Dr. Zachary Chitwood
08.05.2025
Neue Sicht auf frühe christlich-muslimische Beziehungen
08.05.2025
Neue Sicht auf frühe christlich-muslimische Beziehungen
Prof. Dr. Zachary Chitwood ist Professor für Byzantinistik an der LMU und wurde bereits mit dem ERC Starting MAMEMS über die Mönchsrepublik auf dem Berg Athos im mittelalterlichen Griechenland gefördert.
Das halbe Jahrtausend zwischen dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 und dem Ersten Kreuzzug im Jahr 1096 war mit Blick auf die Ausprägung der christlich-muslimischen Beziehungen ein entscheidender Zeitraum. Bislang ist in der Forschung eher unbeachtet geblieben, wie die wichtigsten ostchristlichen Rechtsordnungen – einschließlich jener in Byzanz, in der islamischen Welt und in der dazwischen liegenden Region – mit dem Aufstieg des Islam umgingen.
In seinem neuen Projekt NOMOS („The Challenge of Islam and the Transformation of Eastern Christian Normative Regimes, ca. 630-1100“) will Zachary Chitwood detailliert untersuchen, wie die neue Religion von den Juristen und Kanonisten der damaligen Zeit interpretiert, beschrieben und definiert wurde und wie darüber hinaus die Auseinandersetzung mit dem Islam seinerseits langfristige Entwicklungen innerhalb der ostchristlichen Rechtssysteme prägte.
Trotz der Unterschiede in den Schriftsprachen (Griechisch, Syrisch, Koptisch und Armenisch), in der Staatlichkeit (vom Byzantinischen Reich über die kleinen armenischen Fürstentümer bis hin zu den staatenlosen koptischen und syrischen Gemeinschaften) und in der konfessionellen Zugehörigkeit (orthodox, monophysitisch oder „nestorianisch“/Kirche des Ostens) war die Begegnung mit dem Islam der wichtigste Faktor für die spätantike Entwicklung jeder Rechtsordnung dieser Zeit. Die Forschenden wollen dieses reiche Korpus von Bestimmungen des „Sarazenischen Rechts“ untersuchen und modernste KI-gestützte Technologien einsetzen, um neue Editionen von Rechtstexten zu erstellen.
Dieser innovative rechtshistorische Ansatz zur Geschichte des frühmittelalterlichen Nahen Ostens wird nicht nur eine neue Sicht auf die Spätantike in den ersten Jahrhunderten des Islam bieten, sondern auch eine entscheidende neue Darstellung der christlich-muslimischen Beziehungen in der östlichen Mittelmeerwelt vor dem Ersten Kreuzzug liefern - und damit das traditionelle, „westlich“ dominierte Paradigma dieser Geschichte in Frage stellen.