Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie
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CfP: Leeres Land? Wandel, Sorge und Zukunft in ländlichen Infrastrukturen und Räumen
30.09.2026
Kommissionstagung der DGEKW-Kommission „Kulturanalyse des Ländlichen“
Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie, LMU München, 24.-26. Juni 2027
Geschlossene Dorfläden, verwaiste Gaststätten, zurückgebaute Bahnhöfe und schwindende Nahversorgung: Leerstände in ländlichen Räumen (Spehl 2011) sind längst zu einem zentralen Symbol für gesellschaftliche Transformationsprozesse geworden. Wo die Sparkassenfiliale schließt und die Mobilität erlahmt, manifestiert sich das „leere Land“ nicht nur als materielles Defizit, sondern als tiefgreifende gesellschaftliche und politische Leerstelle.
Gerade mediale Erzählungen neigen in der Betrachtung dieser Räume oft zu einer zweifachen Reduktion: Einerseits verbleiben sie in einer dominanten Defizitlogik, die das Ländliche als abgehängten Raum des Verlusts markiert, andererseits verfallen sie einer Idealisierung von Leere als voraussetzungslosem Möglichkeitsraum für Innovationen, nachhaltige Wirtschaftsformen oder alternative Lebensentwürfe.
Die Tagung „Leeres Land?“ hinterfragt diese Polarisierungen und öffnet den Blick für differenzierte Perspektiven auf Leerstellen, Abwesendes und Lücken (Heimerdinger 2023) in ländlichen Räumen. Neben materiellen Leerstellen wie geschlossenen Gaststätten und Geschäften (Kazig et al. 2023) oder unfertigen Infrastrukturen (Carse/Kneas 2019) kann der Begriff darüber hinaus auf soziale oder temporale Leerstellen und Lücken in der Kulturanalyse des Ländlichen oder die Leerstelle als Metapher verweisen.
Uns interessieren hierbei besonders die zeitlichen Logiken von Materialität, Atmosphären, Werten und Politiken: Wie verschränken sich die „Geister der Vergangenheit“ mit den Projektionsflächen ruraler Transformation? Wie wirken (agrar-)industrielle Ruinen (Ojani/Ullberg/Vonderau 2024) in gegenwärtigen Alltagen? Auf welches tradierte Wissen wird zurückgegriffen, wenn auf Krisen reagiert und Lösungsansätze zum Beispiel in den Bereichen Energiewende, Food Futures und neuen Arbeitsformen getestet werden?
Im Rahmen der Tagung interessieren uns vor allem folgende Perspektivierungen:
Leerstellen als Narrativ und Imaginationsraum: Kritisch-analytische Perspektiven auf mediale Narrative dörflich-kleinstädtischen Leerstands, ländlicher „Leere“ und Defiziterzählungen des Ländlichen.
Leerstellen als infrastrukturelle Aufgabe: Infrastrukturierung und Sorgearbeit in und für ländliche(n) Räume(n), Zusammenbrechen, (Nicht-)Erhaltung und Reparatur von Infrastrukturen.
Zukunft als Leerstelle: Ländliche Zukünfte im Krisenmodus (z.B. Schrumpfung, Verfall, Liminalität und Warten) oder als Projektionsfläche neuer Möglichkeiten (z. B. Energiewende, Food Futures, neue Arbeitsformen, Erbe und Nachhaltigkeit).
Gefühlte Leerstellen: Atmosphären und Affekte der Leere in Bezug auf ländliche Räume, Orte und Architekturen, leiblich‑räumlich erfahrbare Abwesenheit (Soziale Orte, Versorgung, Treffpunkte).
Leerstellen als politische Arena: Machtansprüche an leere Räume; Partizipation und Teilhabe; Verteilungskämpfe im Kontext von Ressourcen(-knappheit) und ideologischer Instrumentalisierung des Ländlichen.
Soziale und soziokulturelle Leerstellen: fehlende Begegnung(-sräume); Abwesenheit als Leerstelle (z.B. Frauen, junge Erwachsene, Akademiker*innen).
Leerstellen in der Forschung: diskursive blinde Flecken in der Kulturanalyse des Ländlichen
Erbeten werden Beiträge, die sich entweder auf der Basis empirischen Materials aus laufenden Forschungen/musealer Arbeit oder theoretisch-konzeptuell mit dem Tagungsthema auseinandersetzen. Der Call richtet sich ausdrücklich auch an die Kolleg*innen aus den (Freilicht-)Museen und Landesforschungsstellen.
Wir freuen uns über Einreichungen für Vorträge (20 Minuten) oder Panels (90 Minuten) inkl. kurzem CV, die 6.000 Zeichen (Vorträge) bzw. 15.000 Zeichen (Panels) nicht überschreiten, bis zum30.09.2026 an i.reimers@lmu.de. Wir begrüßen auch Vorschläge für alternative Beitragsformate wie Workshops. Eine Publikation der Beiträge ist geplant.
Literatur
Carse, Ashley, und David Kneas: „Unbuilt and Unfinished: The Temporalities of Infrastructure“. En-vironment and Society: Advances in Research 10 (2019): 9–28. https://doi:10.3167/ares.2019.100102.
Ehrler, Martin, und Marc Weiland, Hrsg. Topografische Leerstellen: Ästhetisierungen verschwindender und verschwundener Dörfer und Landschaften. Rurale Topografien 4. transcript, 2018.
Heimerdinger, Timo: „Das Abwesende Erforschen: Versuch über die Lücke und das Verschwinden“. Zeitschrift für Empirische Kulturwissenschaft 119, Nr. 1 (2023): 5–25. https://doi.org/10.31244/zekw/2023/01.02.
Kazig, Rainer, Helena Rapp, und Agnes Bartmus: „Leerstand und Stadterleben aus der Perspektive der Atmosphärenforschung: Das Beispiel der Fußgängerzone von Bad Bergzabern.“ Standort 47 (2023): 229–236. https://doi.org/10.1007/s00548-023-00852-3.
Naumann, Matthias, und Michael Mießner. „Nachhaltiges Wohnen auf dem Dorf? Kommentar zu Lisa Vollmer und Boris Michel‚Wohnen in der Klimakrise. Die Wohnungsfrage als ökologische Frage‘“. sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 8, Nr. 1/2 (2020): 193–98. https://doi.org/10.36900/suburban.v8i1/2.580.
Ojani, Chakad, Susann B. Ullberg, und Asta Vonderau: „Infrastructures and environments in late industrialism: An introduction“. kritisk etnografi – Swedish Journal of Anthropology 7, Nr. 1 (2024). https://doi.org/10.33063/DIVA-544568.
Rühmling, Melanie: Bleiben in ländlichen Räumen: Wohnbiographien und Bleibenslebensweisen von Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern. Rurale Topografien18. transcript, 2023. https://doi.org/10.14361/9783839465356.
Spehl, Harald, Hrsg. Leerstand von Wohngebäuden in ländlichen Räumen: Beispiele ausgewählter Gemeinden der Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland. E-paper der ARL 12. Akademie für Raumforschung und Landesplanung, 2011.