Nadia Khan, M.A. (EKWEE), B.A. (BWS)
Doktorandin
Doktorandin
Betreuerin: Prof. Dr. Irene Götz
De-Qualifizierung und biografische Selbstbehauptung: Perspektiven auf das Altern geflüchteter Akademiker:innen der 1990er Jahre
Abstract Stand: Juli 2026
Beratungsbroschüren für Anerkennungsverfahren zeigen heute, wie ein gelingender beruflicher Neuanfang aussehen kann – strahlende Fachkräfte in modernen Büros, die ihre anerkannten Abschlüsse nutzen, um im deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Doch diese normativ gefärbten Bilder entsprechen nicht den Lebenswelten jener Geflüchteten, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen. Für sie existierten weder das Anerkennungsgesetz von 2012 noch die europaweite Lissabon-Konvention; ihre akademischen Abschlüsse wurden systematisch entwertet, der berufliche Zugang und die Berufserfahrung blieb willkürlich und unsichtbar. Sie arbeiteten u.a. im Einzelhandel, als Reinigungskräfte, Taxifahrer:innen oder im informellen Sektor – oft jahrzehntelang weit unter ihrem Qualifikationsniveau.
Wie geflüchtete Akademiker:innen, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen, den Verlust ihrer beruflichen Anerkennung über den Lebensverlauf hinweg verarbeiten und welche Strategien sie bis in die Gegenwart, in fortgeschrittenem Alter, entwickeln, ist das Thema dieser Dissertation. Es fragt danach, wie am Erhalt von Würde und biografischer Kohärenz gearbeitet wird – auch im Hinblick darauf, dass mit dem Renteneintritt die materiellen Folgen der Dequalifizierung nun in voller Schärfe sichtbar werden: geringe Renten, Prekarisierung und die Kumulation intersektioneller Ausschlüsse im Alter. Ziel des Vorhabens ist es, die subtilen und zugleich fragilen Arrangements aus inneren Ressourcen, sozialen Netzwerken und narrativen Selbstverortungen sichtbar zu machen, die in migrations- und alterssoziologischen Perspektiven auf „Integration im Alter" tendenziell unsichtbar bleiben.
Anhand von biografisch-narrativen und leitfadengestützten Interviews mit 10-15 hochqualifizierten Geflüchteten aus verschiedenen Herkunftsländern (u.a. Afghanistan, Kosovo, Togo), die sich nun am Übergang in die Nacherwerbsphase oder im Ruhestand befinden, werden Fälle beschrieben, die diese Bewältigungsarrangements besonders gut zeigen. Wie wird zum Beispiel mit dem akademischen Habitus als innerer Ressource umgegangen, um trotz beruflicher Entwertung ein Gefühl von Selbstwirksamkeit aufrechtzuerhalten? Wie organisieren sich die Befragten sozial, um den Alltag trotz kleiner Renten und möglicher gesundheitlicher Einschränkungen zu bewältigen? Und welche Rolle spielen transgenerationale Aufstiegslogiken, oft als „Opfer" für die nächste Generation, in der narrativen Selbstverortung?
Methoden aus der biografischen Forschung (narrative Interviews, leitfadengestützte Folgeinterviews, ethnografische Beobachtungen) sowie Konzepte der Anerkennungstheorie (Honneth 1994), der Prekarisierung (Castel/Dörre 2009), der Intersektionalität (Crenshaw 1989) und der transgenerationalen Transmission (Portes/Rumbaut 2001) helfen, die in Praktiken und Strategien enthaltenen Ressourcen und Vulnerabilitäten in Relation zueinander zu setzen. Die Arbeit erweitert das Konzept des „Brain Waste" um die Dimension der biografischen Selbstbehauptung und leistet einen Beitrag zur postmigrantischen Anerkennungsforschung. Sie macht jenes biografische Wissen sichtbar, das erst jetzt, mit dem Eintritt in die Nacherwerbsphase, in seiner vollen Tiefe erzählt werden kann.