Governing Migration
Politiken, Technologien, Akteure, Schauplätze und Diskurse.
Politiken, Technologien, Akteure, Schauplätze und Diskurse.
Projektleitung: Dr. Maria Schwertl
Um das Thema „Migration" kreisen heute eine Vielzahl von Akteuren in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und auf den unterschiedlichsten Ebenen: Stadtverwaltungen, NGOs, internationale Organisationen wie die UN oder die IOM, Ausländerbeiräte, Organe der EU wie die Kommission oder die Grenzschutzagentur Frontex, Migrantenselbstorganisationen und Diasporaverbände aber auch immer mehr Think Tanks, wissenschaftliche Institutionen oder Kultureinrichtungen wie Museen oder Theater. Nicht alle diese Akteure verstehen unter „Migration" dasselbe: manche interessieren sich eher für Integrationsaspekte, andere für das Migrationsmanagement oder Grenzkontrollen, wieder andere setzen Migration und Diaspora oder Kosmopolitanismus gleich. Und nicht alle diese Akteure behaupten von sich, Migrationspolitik zu machen oder beeinflussen zu wollen. Dennoch sind wir in diesem Studienprojekt von der These ausgegangen, dass sie alle auf die ein oder andere Weise am „Governing Migration" beteiligt sind. Damit wurde von einem weiten Regierensbegriff ausgegangen, der an Konzepte wie das der Gouvernementalität oder des Regimes angelehnt ist und weitaus mehr umfasst als politisches oder staatliches Handeln. Vor einem solchen Hintergrund fragte das Projekt, was es überhaupt bedeutet, Migration zu regieren, zu managen, zu steuern, zu beeinflussen oder auch nur was es bedeutet, dass unterschiedliche Akteure Migration zum gesellschaftlichen und politischen Thema machen. Welche Bilder von Migration und migrantischen Akteuren werden dabei entworfen? Welche Subjektivierungen und (Sprech)Rechte geschaffen? Mit welchen anderen Diskursen verknüpfen sich Diskursivierungen von Migration? Welche Techniken und Praxen kommen in verschiedenen Migrationsregimen zum Einsatz? Anhand eigener Forschungsprojekte zu spezifischen Politiken, Akteuren, Schauplätzen, Diskursen und Technologien in denen die jeweilige Gemengelage dieser Fokuspunkte untersucht wurde, wurde dabei auch deutlich, wie wichtig es ist, einerseits auf den Alltag des Regierens von Migration zu blicken und andererseits auf den Alltag der Bewegungen der Migration: wie kommt es eigentlich zu spezifischen Politiken rund um die so genannte Armutsmigration und wie zu dem Bettelverbot in München? Welche Aushandlungen und Konflikte verbergen sich dahinter? Wie sieht der Alltag einer Beratungsstelle für Migrant_innen aus Bulgarien und Rumänien aus? Wie die der Alltag von Deutschlehrer_innen und Kursträger_innen im Rahmen von Integrationskursen? Was bedeuten eigentlich Politiken wie die Anerkennung ausländischer Abschlüsse für die Sachbearbeiter_innen z.B. bei der IHK? Und worum geht es mit den neuen Arbeitsmarktintegrationsprogrammen für Flüchtlinge? Wie wird die interkulturelle Öffnung der Münchner Verwaltung umgesetzt? Was verbirgt sich diskursiv und mit Bezug auf Migration und Bürgerschaft hinter der medialen Verhandlung des "Rechtsrucks" bei den Europawahlen? Und was hinter der medialen Berichterstattung über die Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne? Und welche (kritischen und engagierten) kulturanthropologischen Perspektiven lassen sich auf solche Prozesse einnehmen? Fragen wie diesen haben wir in diesem zweisemestrigen Studienprojekt behandelt. Nach einer Anfangsphase, in der wir uns mit grundlegenden Konzepten und Begriffen, wie „Gouvernementalität", „Regime", „Politik", „Regieren", „Technologie" und „Subjektivierung" sowie mit grundlegenden Methoden der Politik-, Institutionen- und sozialen Bewegungsforschung auseinandergesetzt hatten, tauchten die Teilnehmer_innen ins Feld und in die Diskurse ein und verfassten kurze pointierte Essays auf englisch und, die auf dieser Webseite und dem Transformations-Blog einzusehen sind. Die entstandenen acht Essays durchliefen dabei ein Peer Review Verfahren seitens der Redaktion des Blogs, in dem drei Artikel für die Veröffentlichung ausgewählt wurden, und zwar die Texte von Pascal Momboisse, Eva-Maria Richter und Sabrina Brandenburger/Costanza Zuccoli.
Franziska Walter: Kulturwandel oder Utopie?
München beschreitet mit der interkulturellen Öffnung der Verwaltung einen neuen Weg in der Integrationspolitik. Wie nah kommt die Stadt damit an das Ziel der Anerkennung einer vielfältigen Gesellschaft und des gleichberechtigten Zusammenlebens ihrer BürgerInnen heran? Bei der Umsetzung des Themas geht es an die Substanz der Organisation - und der Gesellschaft.
Essay von Franziska Walter (PDF, 100 KB)
Tobias Gmach: Erfolgsmodell versus "Papiermonster": Die zwei Geschichten über die Integrationskurse
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lässt keinen Zweifel daran: Die Integrationskurse sind ein wahres Erfolgsmodell. Doch ein kulturanthropologischer Blick auf die Akteure offenbart aufwändige bürokratische Strukturen und die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte. Die Prekarisierung im Feld der Integrationsmaßnahmen ist mehr als ein Zufall.
Essay von Tobias Gmach (PDF, 317 KB)
Sophie Hammer und Elisabeth Mahle: Take a walk on the right side
Wohl nur selten wurde der Ausgang von Wahlen mit so großer Spannung erwartet, wie bei den Europawahlen 2014. Das lag vor allem am kontinuierlichen Aufschwung rechtspopulistischer sowie eurokritischen Parteien in Europa, der auch von Politik und Medien im Vorfeld der Wahl regelmäßig thematisiert wurde. Tatsächlich erzielten jene Parteien in zahlreichen EU-Ländern beindruckende Ergebnisse, in einigen gingen sie gar als Wahlsieger hervor.
Insbesondere in den Monaten vor der Wahl lies sich in zahlreichen Medien, wie etwa Politik-TV-Talkshows, eine emotional geladene Diskussion rund um Schlagworte wie „Sozialtourismus“ verfolgen. Die daraus resultierende Annahme, diese dort (häufig sehr deutlichen) rechtspopulistischen und eurokritischen Postionen müssten sich auch im hegemonialen Diskurs zur Zeit des Wahlkampfs wiederfinden, bestätigte eine Analyse dieses Diskurses jedoch nicht. Vielmehr wurde von den untersuchten Printmedien der Mitte (SZ, FAZ, Die Welt, Die Zeit) gegen diese Strömungen 'angeschrieben'. Es ließ sich eher eine Haltung finden, die sich klar für ein geeintes, politisch wie gesellschaftlich starkes Europa aussprach sowie für eine gerechtere Einwanderungspolitik. Trotz dieser wiederholt entschiedenen Gegen-Positionierung, lagen diesen angeführten Argumenten häufig eine tendenziöse Haltung zugrunde. Es wurde stets auf die – vor allem wirtschaftliche – Nützlichkeit und Notwendigkeit von Migration und Einwanderung hingewiesen.
Offensichtlich findet hier Diskriminierung unter anderen Vorzeichen statt. Man lehnt Einwanderung und Migration nicht grundsätzlich ab, spricht sich aber gleichzeitig für eine Selektion aus, die Menschen – einer Verwertungslogik folgend – in nützlich und weniger nützlich unterscheidet.
Pascal Momboisse: „Unter Münchner Himmel" – Oder wieviel ein überfülltes Lager mit Menschenwürde zu tun hat
„Man sieht unzählige Menschen auf dem Boden, sie liegen im Gras, auf Asphalt, auf Pflaster. Viele schlafen oder dösen, meist nur auf und unter dünnen Decken, wenn überhaupt. Bayernkaserne im Oktober 2014“ (SZ 12.10.2014). Diese und ähnliche Sätze waren im September und Oktober 2014 beinahe täglich in Tageszeitungen aus dem süddeutschen Raum und darüber hinaus zu lesen.
Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Münchner Bayernkaserne ist ein Synonym für überfüllte Lager und das Scheitern der deutschen Asylpolitik geworden. Über kaum eine andere Einrichtung wurde in der Presse im Jahr 2014 so viel berichtet wie über die ehemalige Militärkaserne. Doch worum geht es bei der medialen Berichterstattung über die „Notsituation“ in der Bayernkaserne? Welche Probleme werden hierbei thematisiert und welche verdeckt? Anhand ausgewählter Zeitungsartikel habe ich die verschiedenen Diskussionsstränge um Probleme mit und für Flüchtlinge nachgezeichnet. Dabei habe ich gezeigt, wie der Fokus der Medien sich mehrfach gewandelt hat. In einem weiterem Schritt habe ich die Narrationen herausarbeiten, die der Berichterstattung über das überfüllte Erstaufnahmelager zugrunde liegen.
Sabrina Brandenburger und Costanza Zuccoli: Better be 'high potential'
Durch bundesweite Programme und Gesetzesänderungen soll die Integration von Flüchtlingen
in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtert werden. Programmtitel wie „Jeder Mensch hat
Potenzial“ läuten scheinbar das Ende einer Defizitlogik ein, die den Diskurs über Flüchtlinge
lange Zeit in Deutschland dominiert hat. Doch profitieren können nur diejenigen, von denen
profitiert werden kann. Eine Spurensuche nach dem Wesen des „Potenzials“.
Essay von Sabrina Brandenburger und Costanza Zuccoli (PDF, 161 KB)
Eva-Maria -Richter: Betteln unerwünscht – Eine Chronologie des Ausschlusses von ArmutszuwanderInnen in München
Am 12.08.14 hat die Stadt München ein Bettelverbot für den Altstadtbezirk erlassen, das sich gegen organisiertes Betteln richtet und in erster Linie auf Armutszuwanderer aus Rumänien und Osteuropa abzielt. Welche tiefere Logik des Ausschlusses liegt dieser Regelung zugrunde?
Essay von Eva-Maria Richter (PDF, 448 KB)
Nedzhmie Chobanova und Tsvetomira Petrova: How to take care of EU-Citizens
Die Mitarbeiter_innen eines Beratungszentrums für Migranten in Deutschland sind täglich mit Problemen, Konflikten und Erfolgsgeschichten konfrontiert. Zugleich hat das Zentrum auch politisch eine Funktion. Diese doppelte Position und die Umgangsweisen der Mitarbeiter_innen damit sind Thema dieses Artikels.
Essay von Nedhzmie Chobanova und Tsveti Petrova (PDF, 187 KB)
Patric Hippmann: "Kein Anschluss unter diesem Abschluss. Die Anerkennung ausländischer (Berufs-)Abschlüsse nach dem Gesetz über die Feststellung der Gleichwertigkeit von Berufsqualifikationen (Berufsqualifikationsfestellungsgesetz - BQFG)"