Lernforschungsprojekte als Praxiserfahrung
In einer Disziplin wie der Empirischen Kulturwissenschaft, die auf ein breites Spektrum gesellschaftlicher Berufsfelder vorbereitet, bildet das zweisemestrige Lernforschungsprojekt (LFP) die Brücke zwischen universitärer Theorie und beruflicher Praxis. Hier haben Masterstudierende die Möglichkeit, ein wissenschaftliches Vorhaben von der ersten Idee bis zum fertigen Ergebnis eigenständig zu realisieren. Der Prozess umfasst den gesamten Forschungszyklus: von der Entwicklung eines präzisen Forschungsdesigns und der Wahl geeigneter Methoden über die intensive Datenerhebung – etwa durch ethnografische Feldforschung oder Archivstudien – bis hin zur Aufbereitung der Ergebnisse. Diese münden häufig in öffentliche Formate wie Ausstellungen, Filme oder Publikationen und machen Wissenschaft so greifbar.
Über die rein fachliche Qualifikation hinaus schult das Projekt jene Schlüsselkompetenzen, die für die spätere Karriere entscheidend sind: Souveränität in der Recherche, kommunikatives Geschick, Projektmanagement sowie ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität. Ein besonderer Vorteil liegt in der intensiven kooperativen Arbeitsweise. Durch den engen Austausch zwischen Lehrenden, Studierenden und renommierten Partnerinstitutionen aus der regionalen Kulturpraxis entsteht ein Raum für individuelle Förderung, in dem persönliche Interessen vertieft und methodische Stärken gezielt ausgebaut werden. Diese intensive Vorbereitung sorgt dafür, dass Studierende nicht nur bestens auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind, sondern auch die selbständige Forschung in ihren Abschlussarbeiten souverän meistern.
Aktuelles Lernforschungsprojekt (ab SoSe 2026)
Postmigrantisches Kulturerbe in München.
Strategien des Archivierens, Kuratierens und Partizipierens
Leitung:
Prof. Dr. Manuel Trummer,
Dr. Daniel Habit
Menschen aus mehr aus 190 Ländern leben in München, über 800.000 Einwohner*innen verfügen über einen Migrationshintergrund. Doch wessen Geschichte wird im öffentlichen Raum, in Museen und Archiven als „Kulturerbe“ bewahrt? Welches tradierte Wissen und Können, welche Identität stiftenden Praxen und Performanzen werden in den nationalen und bayerischen Verzeichnissen des Immateriellen Kulturerbes sichtbar? Während der Authorized Heritage Discourse (AHD) in Deutschland und Bayern auch aktuell vor allem regionale, oft vorindustriell-ländlich geprägte Kulturformen fokussiert, arbeiten postmigrantische Verbände und Netzwerke an eigenen Archiven und Dokumentationen, was Ihnen als wichtiges, schützenswertes Erbe gilt. Über Praxen des „counter-archiving“ und des „counter heritage“, transformieren sie etablierte Heritage-Diskurse und nutzen „ihr“ Kulturerbe dabei als community-basierte Erinnerungspraxis.
In diesem Seminar untersuchen wir die Vielfalt des postmigrantischen Kulturerbes in Deutschland am Beispiel von München. Im Mittelpunkt steht dabei erstens eine kritische Auseinandersetzung mit den UNESCO-Politiken des Immateriellen Kulturerbes. Zweitens wollen wir im Dialog mit postmigrantischen Verbänden und Communities in München zentrale Formen immateriellen Kulturerbes identifizieren und dokumentieren. Drittens interessieren uns auf einer theoretischen Ebene Praxen des „counter-curating“, des „counter-archiving“ und des „counter-heritage“ und damit die Frage, wie weniger sichtbare Communities über Praxen des „Heritage from Below“ an der Sichtbarmachung ihres eigenen Erbes arbeiten – und welche Chance dies für eine kritische Reflektion etablierter Heritagepolitiken bietet. Unser Ziel ist es auch, so Schwierigkeiten und Hemmnisse im Bewerbungsprozess für migrantische Communities zu identifizieren, aber auch Kontaktzonen zwischen den IKE-Institutionen und unterrepräsentierten, weniger sichtbaren Gruppe zu schaffen, um so womöglich Immaterielles Kulturerbe in Deutschland zukünftig – ganz im Sinne der UNESCO – diverser gestalten zu können. Die Studierenden eignen sich im Verlauf der Veranstaltung theoretisches Wissen aus den Bereichen der postmigrantischen Stadtforschung und der Kulturerbeforschung an und lernen praxisnah Kulturerbe-Institutionen auf Bundes- und Landesebene sowie migrantische Verbände und Institutionen in München kennen. Sie machen sich vertraut mit offiziellen Antragsverfahren und Antragsdokumenten und erwerben zentrale Kompetenzen in einem für die EKWEE zunehmend wichtigen und dynamischen Berufsfeld.