‘Wa(h)re Mutterschaft‘

Eine ethnografische Studie über ästhetische Praktiken von Mütterbloggerinnen (DFG, 01.2021–04.2024)

Team

Prof. Dr. Irene Götz

Dekanin der Fakultät für Kulturwissenschaften

Fakultät für Kulturwissenschaften - Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Dr. Petra Schmidt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Projekt "Wa(h)re Mutterschaft" (2021–2024)

Projektbeschreibung

Ab 01.01.2021 startete am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie unter Leitung von Prof. Dr. Irene Götz das bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeworbene Projekt „‘Wa(h)re Mutterschaft‘. Eine ethnografische Studie über ästhetische Praktiken von Mütterbloggerinnen“.
Das Projekt widmete sich der Thematik des Wandels von Arbeit und im speziellen eines „new normal of work lives“ (Taylor und Luckman 2018) im Kontext der Aspekte Gender, Kreativarbeit und Digitalisierung im deutschsprachigen Raum. Hierfür sollte das in der digitalen Kreativszene verbreitete Erwerbsmodel der „Mutterbloggerin“ und entsprechende Arbeitspraktiken aus einer akteur*innenzentrierten Perspektive untersucht werden. Postfordistischen Logiken der Entgrenzung und Subjektvierung von Arbeit und Leben und einer zunehmenden Digitalisierung, Singularisierung und Ästhetisierung des Alltags folgend, wird bei diesem Erwerbsformat Mutterschaft, sowohl als Status, als auch als Lebensstil, zur Grundlage der unternehmerischen Tätigkeit. Die Bloggerinnen tätigen im Rahmen ihrer Fürsorgearbeit ästhetische Arbeit im Sinne eines weiten Arbeitsbegriffes. Zum Beispiel indem sie stilisierte Bilder zu Mutterschaft und Familie (re-)produzieren und virtuell verbreiten und dadurch intime Einsichten in Familiensphären bieten. Daran anschließend fragte das Projekt nach den vielfältigen Arbeitspraktiken, die mit der bloggenden Tätigkeit verbunden sind, und nach Verwertungsstrategien immaterieller und materieller Ressourcen (Aussehen, Style, Einstellungen, soziales Kapital u.a.).

Viele der Arbeitspraktiken von Mütterbloggerinnen sind nicht ohne digitale Kommunikationstechnologien auszuführen. Technischer Fortschritt und Digitalisierungsprozesse üben Einfluss aus auf die Auslegung der Mutterrolle, auf Vorstellungen und Bilder von Mutterschaft und eines in vieler Hinsicht prekären Vereinbarkeitsarrangements von Familien- und Erwerbsarbeit. Die mit dem digitalisierten Arbeitsformat „Mutterblog“ einhergehende Entgrenzung und Subjektivierung scheint sich zumindest vordergründig optimal mit weiblichen Emanzipationsansprüchen-und-anforderungen vor dem Hintergrund eines neoliberalen Feminismus (MacRobbie 2016) zu verbinden. Denn die Arbeit kann (und muss sogar) von Zuhause und mit Kindern erledigt werden, sie verspricht Glamour, flexible Arbeitszeiten und soziales Kapital. Diesen Vorzügen gegenüber stehen Konflikte: zum Beispiel in Bezug auf die Kommodifizierung des Selbst, der Kinder und Familie, bzw. Bereichen, die vormals, zumindest dem Leitbild von Familie als privatem Raum nach, außerhalb einer ökonomischen Logik standen sowie Tendenzen der (Selbst-)Prekarisierung und Stabilisierung überkommener Geschlechterrollenverteilung innerhalb der Familiensphäre. Ein weiterer Widerspruch zwischen eigenem „emanzipatorischen“ Anspruch der Frauen und der gesellschaftlich und medial oftmals geringen Anerkennung der Tätigkeit als Bloggerin war ebenfalls Gegenstand der Forschung. In den Blick genommen wurde, wie sich die Motive der Bloggerinnen und die sich mit dieser entgrenzten – meist prekären Tätigkeit verbindenden – Ambivalenzen in den individuellen Narrationen und Praktiken spiegeln.

Zur Anwendung kamen die spezifischen methodischen Verfahrensweisen der Europäischen Ethnologie, die auf einer Triangulierung von qualitativen leitfadenorientierten Interviews, Bloganalysen und teilnehmender Beobachtung beruhen. Sie ermöglichten tiefgehende Praxisanalysen und konnten mikroperspektivisch sowie akteur*innenzentriert emergente Deutungsweisen, Auseinandersetzungen und Adaptionen vergleichsweise neuer, sich aber gleichwohl im subjektiven Bewusstsein wie im gesellschaftlichen Diskurs „normalisierender“ Formen von Erwerbsarbeit eruieren. Die Forschung bot Erkenntnisse darüber, was hinter der Bühne medialer Inszenierungen an Arbeit stattfindet, da die im analogen Raum erarbeiteten Praktiken und Inszenierungen so weit möglich miterforscht wurden. Sowohl die oft sehr getrennt beforschten Felder Arbeit und Digitalisierung wurden so zusammengeführt, als auch der Zusammenhang von Ökonomie, Geschlecht und Arbeit, der hier auf den kreativen Arbeitssektor gerichtet war und neuere Entgrenzungsprozesse von Reproduktion und Produktion aus einer genderanalytischen Perspektive untersuchte.

Der Blick auf gegenwärtige hybride Formen von materieller und immaterieller Arbeit, von sich verwischenden Grenzziehungen von Arbeit und Nicht-Arbeit sowie entsprechender Begrenzungsarbeit der Frauen (und ihrer Familien) versprach neue Einblicke in die praxeologische Konzeptualisierung von Arbeit im Schnittfeld von digitalisierter Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit.

Projektpublikationen

Veranstaltungen

Tagung "The New Normal of Work"